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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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148    Ingeborg Jandl Der an die Stelle des Alltags tretende permanente Ausnahmezustand, in dem es um das psychische und physische Überleben geht, drängt Opfer- und Täterdis- kurse sichtlich in den Hintergrund. Dasselbe gilt für die individuelle Identität, da das Individuum zum einen durch Uniform und Befehlsgehorsam als Teil einer Masse agiert und zum anderen durch Medikamentenmissbrauch in Distanz zu seinen sinnlichen und emotionalen Empfindungen tritt. Dass Šehićs autobio- grafisches Ich sich trotz seines schlechten Zustands so vollständig an den Krieg gewöhnt hat, dass es sich nicht in eine Realität des Friedens zurückwünscht, zeigt eine zumindest unbewusste Ahnung der durch Kriegshandlungen und Kriegsfolgen bewirkten Identitätsveränderung. Gerade auch Taras Kecmur schildert in einer weiteren seiner später bean- standeten Passagen, dass er nach seiner Heimkehr in die Sowjetunion den Wunsch verspürte, wieder nach Afghanistan in den Krieg zurückzureisen, um weiterzukämpfen:4 „Ходил в военкомат, просился назад, не взяли. Война скоро кончится, вернутся такие же, как и я. Нас будет больше“ (A,  113) [„Ich war beim Wehrkreiskommando, ich hab gebeten, mich nach Afghanistan zurück- zuschicken. Sie haben es abgelehnt. ‚Der Krieg ist bald zu Ende.‘ Den jetzigen Heimkehrern wird es genauso gehen wie mir. Wir werden noch mehr werden“ (A, 246–247)]. Angesichts dessen, dass Kecmurs Bericht sehr schmerzhafte und erschre- ckende Erfahrungen schildert und sogar direkte Kritik an der sowjetischen Politik und der Entscheidung für diesen Kriegseinsatz übt, ist der plötzliche Wunsch, an den Kriegsschauplatz zurückzukehren, erstaunlich. Zugleich verdeutlicht er die Schwierigkeit, sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern, nachdem Werte, Handlungsnormen und Realitätserfahrung so deutlich umgekehrt wurden. Viele der Heimkehrer leiden nicht nur an den ihnen zugefügten Verletzungen und Verlusten, sondern außerdem an einem Tätertrauma und fühlen sich innerlich gespalten: „На войне приходилось делать прямо противоположное тому, чему нас учили в мирной жизни, а в мирной жизни надо было забыть все навыки, приобретенные на войне (A, i)“ [„Im Krieg mussten wir genau das Gegenteil von dem tun, was man uns in Friedenszeiten beigebracht hatte. Und 4  Svenja Goltermann behandelt Narrative historischer Quellen aus dem Zweiten Weltkrieg, wo zahlreiche Beispiele traumatisierter Soldaten vorliegen, die sich nach der Rückkehr in einem Zwischenraum zwischen Krieg und Neuanfang gefangen fühlen und nicht in den Alltag zurück- finden (2011, 145–161). Wie Steffi Bahro aufzeigt, gibt es bereits in Märchen typische Narrative, in denen die Heimkehr von Soldaten scheitert und die Figuren ihre Heimat aus unterschiedlichen Gründen gleich wieder verlassen (2011, 118).
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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