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Weder Held noch Opfer
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in Friedenszeiten sollten wir alles vergessen, was wir uns im Krieg angeeignet
haben“ (A, 246)].
Sowohl Šehić als auch Aleksievič und viele ihrer Interviewpartner machen
mit ihren kritischen Darstellungen der Kriegsrealität sowie dort verübter Hand-
lungen dennoch auch die Opferrolle der Soldaten sichtbar, die nicht auf deren
Schuldlosigkeit, sondern auf dem Machtmissbrauch durch höhere Instanzen und
der Transformation von Individuen in Humanressourcen basiert: „Вы, пожа-
луйста, никогда не трогайте этого, много сейчас умников здесь, почему
же никто не положил партбилет, никто пулю себе в лоб не пустил, когда
мы были там…“ (A, i) [„Bitte rühren Sie dieses Thema niemals an, hier gibt es
heute viele Schlaumeier. Aber warum hat keiner sein Parteibuch hingeschmis-
sen? Warum hat sich keiner eine Kugel in den Kopf gejagt, als wir dort waren?“
(A, 246)].
Die Kriegsidentität betrifft keineswegs nur das veränderte Fühlen und
Handeln im Krieg, sondern besonders auch deren Nachwirkungen, wie das
Gefühl gesellschaftlicher Nicht-Zugehörigkeit nach Extremsituationen. Margina-
lisierung geschieht dabei sowohl durch direkte Ablehnung als auch aufgrund von
Rückzug als Reaktion auf diese Entfremdungserfahrung:
Нас зовут „афганцами“. Чужое имя. Как знак. Метка. Мы не такие, как все. Другие.
Какие? Я не знаю, кто я: герой или дурак, на которого надо пальцем показывать? А
может, преступник? (А, 18)
Man nennt uns „die Afghanen“. Ein fremder Name. Wie eine Kennzeichnung. Das ist wie
ein Brandmal. Wir sind nicht so wie die anderen. Aber was sind wir? Was bin ich? Bin ich
ein Held oder ein Dummkopf, auf den man mit dem Finger zeigt? Bin ich vielleicht sogar ein
Krimineller? (A, 38)
Erschwerend für das Zurückfinden in eine zivile Identität ist außerdem die
unklare offizielle Position ehemaliger Kriegsteilnehmer. Versuche, den Helden-
mythos der Vaterlandsverteidiger aus dem Zweiten Weltkrieg auch um andere
russische Soldaten aufzubauen, scheitern daran, dass diese sich nicht als Vertei-
diger fühlen, da sie sich ihrer Rolle als Aggressoren bewusst sind. Zudem hinter-
fragen sie Gewaltexzesse kritisch und auch die eigene Traumatisierung steht zu
dem ihnen zugeschriebenen Heldentum in krassem Widerspruch:
Приглашают выступать в школы. А что рассказывать? О боевых действиях… […] О
том, как я до сих пор боюсь темноты, что-нибудь упадет – вздрагиваю? Как брали
пленных, но до полка не доводили… […] О коллекциях засушенных человеческих
ушей? […] Об этом, что ли, хотят услышать в наших школах? Нет, там нужны герои.
(A, 18)
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher