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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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150    Ingeborg Jandl Wir sollen in Schulen auftreten. Aber was sollen wir da erzählen? Von Kampfhandlungen? Davon, dass ich immer noch Angst vor der Dunkelheit habe, dass ich zusammenfahre, sobald was runterfällt? Wie Gefangene gemacht wurden, die nicht bis zum Regiment kamen? Von Sammlungen getrockneter Menschenohren als Trophäen? […] Will man das in Schulen hören? Nein, wir brauchen Helden! (A, 39) Bereits während des Afghanistan-Krieges wurde den dort Stationierten die rea- litätsverzerrende Dimension der Medienberichte in ihrer sowjetischen Heimat bewusst. Viele von ihnen hatten sich nicht freiwillig gemeldet, sondern waren uninformiert dorthin befördert worden (A, 26–27). Propagandaplakate und Zei- tungsberichte wurden auch in den Kriegsgebieten verbreitet, wo die Diskrepanz zwischen diesen und der erlebten Wirklichkeit offenkundig war: Скоро начали понемногу задумываться: кто же мы? Наши сомнения начальству не понравились. Тапочек, пижам еще не было, а уже развешивали привезенные лозунги, призывы, плакаты. На фоне лозунгов – худые, печальные лица наших ребят. (A, 22) Wir haben dort, in Afghanistan, angefangen darüber nachzudenken, wer wir eigentlich sind. Man zerstreute unsere Zweifel. Keine Hausschuhe und Schlafanzüge – aber Losungen, Aufrufe und Plakate, die wurden ausgehängt! Und dazu die schmalen, traurigen Gesichter unserer Soldaten. Die vergess ich nicht! (A, 43) In der Heimat hingegen bewirkten diese Fehlinformationen, dass sich Menschen mit völlig falschen Vorstellungen freiwillig zum Kriegseinsatz meldeten: Как раз в это время в „Правде“ напечатали очерк „Афганские мадонны“. Из Союза девочки писали: он всем понравился, некоторые даже пошли в военкомат про- ситься в Афганистан. […] А мы не могли спокойно пройти мимо солдат, те ржали: „Бочкаревки, вы, оказывается, героини?! Выполняете интернациональ ный долг в кровати!“ (A, 65) Damals erschien in der Prawda gerade der Artikel über die „Afghanischen Madonnen“. Aus der UdSSR schrieben Mädchen begeisterte Briefe, einige haben sich sogar im Wehr- kreiskommando gemeldet, wollten freiwillig nach Afghanistan gehen. Und wir kamen an keinem Soldaten vorbei, ohne angemacht zu werden. „Na, ihr Offiziersmatratzen? Na, ihr Heldinnen? Erfüllt ihr eure internationalistische Pflicht im Bett?“ (A, 101) Dass Frauen im Krieg als Prostituierte missbraucht und dafür geächtet wurden, beschreibt ebenfalls eine Form des Identitätsverlusts während, doch noch ver- stärkt nach dem Krieg. Die Lage solcher Frauen wird gesellschaftlich noch weniger thematisiert, weil sie mit Scham behaftet und dadurch tabuisiert ist. Man kann hier von stummen Opfern sprechen, die sich noch schwerer öffentlich zu Traumatisierung und Identitätsverlust bekennen können als ehemalige Soldaten,
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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