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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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154    Ingeborg Jandl Kritik an menschlicher Oberflächlichkeit. Intolerantem Verhalten stellt er – indirekt – Beispiele aus Alltagskontexten entgegen, indem er etwa eine Mutter beschreibt, die ihre Kinder am Fußballplatz wegen deren Kleidung zurechtweist: – Ну как вы оделись? – шептала их мама. […] – Теперь все подумают, что вам надеть нечего. Я же оставила все на кресле. […] Я слушал их, стараясь, чтобы они не обра- щали на меня внимания, и думал о том, какие бывают дети. (G, 266–267) Wie seht ihr denn aus? flüsterte ihre Mutter. […] – Jetzt denken die Leute, ihr habt nichts anzuziehen. Ich hab euch doch alles auf dem Sessel hingelegt. […] Ich hörte ihnen zu, bemüht, nicht ihre Aufmerksamkeit zu erregen, und dachte daran, wie Kinder sein können. (G, 61) Die Thematisierung von Kriegsidentität markiert die Heimgekehrten in allen drei Werken als durch den Krieg stark in Mitleidenschaft gezogen und dadurch auch als Opfer. Auf unterschiedlichen Ebenen wird Identitätsverlust konstatiert; dabei zeichnet sich jeweils eine Eigendynamik zwischen unterschiedlichen Stadien ab, die im Krieg beginnen und sich nach der Rückkehr fortsetzen. Extreme Angstsi- tuationen und die Befehle, unmenschliche Handlungen auszuführen, lösen psy- chische Mechanismen wie Gefühls- und Bindungslosigkeit, Hypervigilanz und Schlaflosigkeit aus; durch den Konsum von Drogen und Medikamenten werden diese kurzfristig gelindert, langfristig jedoch verstärkt. Nach dem Krieg kommt noch die Schwierigkeit einer durch die Persönlichkeitsveränderung erschwerten Eingliederung in das private Umfeld und die Zivilgesellschaft hinzu. Unterschiede zwischen den dokumentarischen, autobiografischen und fikti- onalen Ansätzen von Aleksievič, Šehić und Gelasimov werden hier darin deutlich, dass die ersten beiden Autor*innen stärker auf konkrete Kriegsfolgen eingehen, während Gelasimov seine Leser*innen aus größerer Distanz auf die Kriegsver- gangenheit seiner Hauptfigur blicken lässt, indem er zusätzliche Themen aus anderen Lebensbereichen in die Handlung einflicht. Dadurch erscheint es einfa- cher, die traumatische Vergangenheit in einem Prozess der Aufarbeitung zu ver- orten. Keiner der Texte zielt darauf ab, Opferdiskurse in eine Richtung zu lenken, die auf Rechtfertigung abzielt oder Anschuldigungen gegen konkrete Täter vor- bringt; die Botschaft ist dagegen vielmehr jene, dass es im Krieg nur Verlierer und Opfer gibt. Im Zentrum stehen jeweils große Betroffenheit und die Intention, ein gesellschaftliches Bewusstsein für die Problematik zu schaffen, was auch der einzige Weg zu sein scheint, persönlichem und kollektivem Identitätsverlust sowie gesellschaft lichem Ausschluss entgegenzuwirken. Den Texten ist damit das Anliegen gemein, gegen soziale Ungerechtigkeit anzuschreiben, wobei eine unnötig starke Thematisierung von Opferrollen vermieden wird.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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