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Weder Held noch Opfer
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4 Erinnerungskultur
Neben der persönlichen Situation ehemaliger Kriegsteilnehmer zeichnen sich
bei Aleksievič, Šehić und Gelasimov im Hintergrund auch Tendenzen einer indi-
viduell geprägten Erinnerungskultur ab: das Bestreben nämlich, das Andenken
an verstorbene Freunde, doch auch an flüchtige Bekannte in Ehren zu halten.
Das offizielle und private historische Bewusstsein über das jeweilige Ereignis
ist in den betroffenen Ländern unterschiedlich ausgeprägt. Dabei verfolgen alle
drei Texte zum einen das Anliegen, staatliche Fehlinformationen zu korrigieren
sowie zum anderen, die individuelle Dimension von Verlust und Trauer sichtbar
zu machen. Erste Denkmäler für die gefallenen Soldaten des Afghanistankrieges
wurden in der Sowjetunion erst seit Mitte der 1990er Jahre aufgestellt; nach dem
Zerfall der Sowjetunion – d.h. im Entstehungskontext der Werke von Aleksievič
und Gelasimov – orientierte sich unter Boris El’cin und Vladimir Putin die staat-
liche Gedenkkultur wieder zunehmend stärker am heroischen Gedenken an den
‚Großen Vaterländischen Krieg‘ (Hausmann 2013, 430–431).
Für Aleksievičs Aufarbeitung des Afghanistan-Kriegs betrifft dies zunächst
Zensur und Propaganda in sowjetischen Medienberichten über die Einsätze und
die Verschleierung der ‚Todesursache‘ Krieg auf den Grabsteinen; beides tilgt den
Anspruch der Betroffenen auf den Status eines Opfers:
Еще никто не видел цинковых гробов. Это потом мы узнали, что гробы уже в город
привозили, но хоронили тайком, ночью, на могильных плитах писали „умер“, а не
„погиб“. (А, 16)
Noch hatte keiner Zinksärge gesehen. Erst später haben wir erfahren, dass solche Särge
schon in der Stadt eingetroffen waren, aber sie wurden nachts heimlich in die Erde gelas-
sen, auf den Grabsteinen stand „gestorben“ und nicht „gefallen“. (A, 35)
Als die Politik des Verschweigens dennoch bekannt wird, kommt dazu noch eine
allgegenwärtige Ungewissheit über die Schicksale Angehöriger: „Рассказывают
случай: привезли матери гроб, она его похоронила. А через год сын
возвращается…“ (A, 77) [„Ich habe gehört, dass einer Mutter der Sarg mit dem
Sohn darin gebracht wurde, sie begrub ihn, und ein Jahr später kam er lebend
wieder, er war nur verwundet gewesen“ (A, 116)].
Auch nachträglich kommt es noch zu Umwertungen der historischen Ereig-
nisse:
Уже говорят, что это была политическая ошибка. Сегодня тихо говорят, завтра будут
громче. А я там кровь оставил… Свою… И чужую… Нам давали ордена, которые мы
не носим… Мы еще будем их возвращать… Ордена, полученные честно на нечестной
войне… (A, 18)
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher