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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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156    Ingeborg Jandl Heute heißt es bereits, das Ganze sei ein politischer Fehler gewesen. Ich habe dort Blut ver- gossen – meins und fremdes. Wir haben Orden gekriegt, die wir nicht tragen. Wir werden sie noch zurückgeben… Orden, ehrlich erworben in einem unehrenhaften Krieg… (A, 38–39) Zwar handelt es sich hier um eine Berichtigung von zuvor bewusst falsch kom- munizierten historischen Fakten, doch geschieht dies auf eine unsensible Weise, die den Identitätsverlust Betroffener durch die unklare Einordnung verstärkt. Da die politischen Entscheidungsträger im postsowjetischen Kontext weiterhin nicht zur Verantwortung gezogen werden, erfolgt die Neubewertung des Krieges auf Kosten der einfachen Soldaten und zieht Gegenreaktionen jener nach sich, die sich an den Heldenstatus ihrer Angehörigen klammern. Wie besonders in den Vorwürfen gegen Aleksievič deutlich wird, wendet man sich zu dessen Verteidi- gung auch gegen die Wahrheit: Вы говорите, что я должна ненавидеть государство, партию… А я горжусь своим сыном! Он погиб, как боевой офицер. Его все товарищи любили. Я люблю то государ- ство, в котором мы жили – СССР, потому что за него погиб мой сын. А вас ненавижу! Мне не нужна ваша страшная правда. Она нам не нужна!! Слышите?! (А, i) Sie sagen, ich soll den Staat und die Partei hassen… Aber ich bin stolz auf meinen Sohn! Jawohl, ich bin stolz auf ihn! Er ist im Kampfeinsatz gestorben, als Offizier. Alle seine Kame- raden haben ihn geliebt. Ich liebe den Staat, in dem wir lebten – die UdSSR, weil mein Sohn für ihn gestorben ist. Aber Sie hasse ich! Ich brauche Ihre schreckliche Wahrheit nicht! Wir brauchen Sie nicht!! Hören Sie?! (A, 241) Šehić thematisiert aus seiner persönlicheren Perspektive Halbwahrheiten, welche die öffentliche Meinung im Umgang mit dem Bosnien-Krieg prägen. Trotz des Wissens um die Sinnlosigkeit der Kampfhandlungen wendet sich die Gesellschaft mit dem Vorwurf der Feigheit gegen Deserteure: Divno je biti izbjeglica. To znači, da si građanin petnaestog reda. Niko te ne poznaje. Možeš se popišati nasred ulice. I nastaviti hodati dalje. (Š, 70) [Es ist wunderbar, ein Deserteur zu sein. Das heißt, dass du ein Bürger fünfzehnter Klasse bist. Niemand kennt dich. Du kannst dich auf offener Straße anpinkeln. Und einfach weitergehen.] Eine wichtige Gemeinsamkeit von Propaganda, Nationalismus und falscher Berichterstattung besteht sicherlich darin, dass Akteure als Vertreter einer Gruppe,
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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