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Weder Held noch Opfer
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selten jedoch als Individuen behandelt werden. Ein erster Ansatz, dem entgegen-
zuwirken, besteht im Hinweis darauf, dass die einzelnen Kriegsteilnehmer höchst
unterschiedlich waren:
Там разные люди были. Не представляйте нас одинаковыми. А то сначала о нас
молчали, потом стали воображать всех героями, теперь ниспровергают, чтобы
следом забыть. Там же один мог лечь рывком на мину и спасти даже незнакомых
ему ребят, другой подойти к тебе и просить: „Хотите, стирать вам буду, только не
посылайте на боевые.“ (A, 82)
Es gab die unterschiedlichsten Leute dort. Denken Sie nicht, dass wir alle gleich waren. Zuerst
hat man uns totgeschwiegen, dann waren wir auf einmal Helden und jetzt diffamiert man
uns, um uns schließlich ganz zu vergessen. In Afghanistan kam es vor, dass sich einer auf eine
Mine warf, um unbekannte Soldaten zu retten, aber es gab auch welche, die baten „Schicken
Sie mich bloß nicht in Kampfhandlungen, ich wasche Ihnen auch die Sachen.“ (A, 123)
Eine ähnliche Individualisierung identitätsloser Heimkehrer nimmt Gelasi
movs
Hauptfigur auf aktive Weise vor, als sie ihre bereits vor dem Kriegseinsatz ent-
wickelte Zeichenbegabung wiederaufnimmt. Die Zeichnun
gen von Kriegsepiso-
den und Menschen unterstützen zum einen die Selbstfindung dieser Figur, zum
anderen werden dadurch auch die Verluste von Kameraden aufgearbeitet; in
Form von Modifizierungen und Ergänzun
gen der Bildmotive wird unwiederbring-
lich Verlorenes traumatherapeutisch wirksam neu geschaffen:
– Подожди, а это чего? – Это наш лейтенант. Со своими детьми. – Так его же убили.
[…] И детей у него не было. – Ну и что? – говорю я. – А здесь он с детьми. […] Генка
долго молчит, смотрит на мои рисунки. – Ты, знаешь, чего? – наконец говорит он. –
Дай их мне. Все. (G, 292)
– Moment mal, wer ist das denn? – Unser Leutnant. Mit seinen Kindern. – Er ist doch gefal-
len. […] Und Kinder hatte er auch keine. – Na und? sage ich. – Hier hat er eben welche. […]
– Weißt du was? sagt er schließlich. – Gib sie mir. Alle. (G, 89)
Gelasimov verschiebt den Fokus so von kollektiven Zuschreibungen, die, wie
im vorhergehenden Kapitel beschrieben, in seiner Novelle ebenfalls impliziert
sind, auf die individuelle Selbstfindung. In Hinblick auf Opferdiskurse zeigt die
literarisch reflektierte offizielle Erinnerungskultur Russlands Bestrebungen,
ehemalige Kriegsteilnehmer entweder zu glorifizieren, wobei Umdeutungen der
Geschichte ohne Weiteres in Kauf genommen werden, oder aber die traumatisier-
ten Heimkehrer vollständig aus dem öffentlichen Raum auszuschließen, was ein
Verschweigen der historischen Ereignisse impliziert. Beide Strategien dienen zur
Vermeidung sowohl von Opfern mit dem Anspruch auf Entschädigung als auch
von Tätern als Produkt einer politischen Entscheidung. Alle drei Autor*innen
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher