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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Weder Held noch Opfer    157 selten jedoch als Individuen behandelt werden. Ein erster Ansatz, dem entgegen- zuwirken, besteht im Hinweis darauf, dass die einzelnen Kriegsteilnehmer höchst unterschiedlich waren: Там разные люди были. Не представляйте нас одинаковыми. А то сначала о нас молчали, потом стали воображать всех героями, теперь ниспровергают, чтобы следом забыть. Там же один мог лечь рывком на мину и спасти даже незнакомых ему ребят, другой подойти к тебе и просить: „Хотите, стирать вам буду, только не посылайте на боевые.“ (A, 82) Es gab die unterschiedlichsten Leute dort. Denken Sie nicht, dass wir alle gleich waren. Zuerst hat man uns totgeschwiegen, dann waren wir auf einmal Helden und jetzt diffamiert man uns, um uns schließlich ganz zu vergessen. In Afghanistan kam es vor, dass sich einer auf eine Mine warf, um unbekannte Soldaten zu retten, aber es gab auch welche, die baten „Schicken Sie mich bloß nicht in Kampfhandlungen, ich wasche Ihnen auch die Sachen.“ (A, 123) Eine ähnliche Individualisierung identitätsloser Heimkehrer nimmt Gelasi movs Hauptfigur auf aktive Weise vor, als sie ihre bereits vor dem Kriegseinsatz ent- wickelte Zeichenbegabung wiederaufnimmt. Die Zeichnun gen von Kriegsepiso- den und Menschen unterstützen zum einen die Selbstfindung dieser Figur, zum anderen werden dadurch auch die Verluste von Kameraden aufgearbeitet; in Form von Modifizierungen und Ergänzun gen der Bildmotive wird unwiederbring- lich Verlorenes traumatherapeutisch wirksam neu geschaffen: – Подожди, а это чего? – Это наш лейтенант. Со своими детьми. – Так его же убили. […] И детей у него не было. – Ну и что? – говорю я. – А здесь он с детьми. […] Генка долго молчит, смотрит на мои рисунки. – Ты, знаешь, чего? – наконец говорит он. – Дай их мне. Все. (G, 292) – Moment mal, wer ist das denn? – Unser Leutnant. Mit seinen Kindern. – Er ist doch gefal- len. […] Und Kinder hatte er auch keine. – Na und? sage ich. – Hier hat er eben welche. […] – Weißt du was? sagt er schließlich. – Gib sie mir. Alle. (G, 89) Gelasimov verschiebt den Fokus so von kollektiven Zuschreibungen, die, wie im vorhergehenden Kapitel beschrieben, in seiner Novelle ebenfalls impliziert sind, auf die individuelle Selbstfindung. In Hinblick auf Opferdiskurse zeigt die literarisch reflektierte offizielle Erinnerungskultur Russlands Bestrebungen, ehemalige Kriegsteilnehmer entweder zu glorifizieren, wobei Umdeutungen der Geschichte ohne Weiteres in Kauf genommen werden, oder aber die traumatisier- ten Heimkehrer vollständig aus dem öffentlichen Raum auszuschließen, was ein Verschweigen der historischen Ereignisse impliziert. Beide Strategien dienen zur Vermeidung sowohl von Opfern mit dem Anspruch auf Entschädigung als auch von Tätern als Produkt einer politischen Entscheidung. Alle drei Autor*innen
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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