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158 Ingeborg Jandl
positionieren sich kritisch gegen diese Verfälschungspraktiken und entgegnen
ihnen durch den Versuch, die tatsächlichen Umstände der entsprechenden
Kriege zugänglich zu machen. Dennoch werden zugleich Versuche erkennbar,
die Soldaten von ihrer Last zu befreien und sie beim Wiederfinden ihrer Identität
zu unterstützen. Aleksievič leistet ihren diesbezüglichen Beitrag hauptsächlich
durch das Anhören und Ordnen fremder Geschichten, Šehić befreit sich durch
unzensiertes Erzählen von seiner eigenen Last und Gelasimov erfindet einen
feinfühligen Kriegs heimkehrer, der das individuelle und kollektive Trauma durch
sein Zeichnen auf künstlerisch-therapeutische Weise verarbeitet.
5 Gedenken, Trauer und Wiederfinden der
Identität fernab von Opfer- und Täterdiskursen
Neben Thematisierungen der öffentlichen Meinung und offizieller Gedenk-
veranstaltungen sind alle drei Texte auch per se als Medien des Gedenkens zu
verstehen. So integriert Aleksievič etwa persönliche Grabesinschriften in ihren
Roman der Stimmen. Diese stammen von den Eltern und zeigen, wie unterschied-
lich, wenngleich stets liebevoll, die Tode dieser jungen Männer von ihren engsten
Angehörigen verarbeitet werden. Dabei wird der Kriegseinsatz meist als Erfül-
lung einer ‚internationalistischen Pflicht‘ deklariert. Neben dem intim-familiären
steht daher auch der heroische sowjetische Diskurs; durch die Thematisierung
von Schutzlosigkeit und Unerfahrenheit der jung Verstorbenen erscheint Letzte-
rer jedoch deutlich abgeschwächt. Das intim-familiäre Gedenken und die damit
verbundene Integration persönlicher Gefühle wie Trauer, Erschütterung und
Liebe eröffnen jeweils einen Blickwinkel, der sowohl Opfer- als auch Täterdis-
kurse in den Hintergrund rückt, weil hier der Wert des Individuums unabhängig
von seiner Funktion innerhalb staatlicher Kollektive reflektiert wird.
ЛАДУТЬКО
АЛЕКСАНДР ВИКТОРОВИЧ
(1964–1984)
Погиб при исполнении
интернационального долга.
Ты честно выполнил свой воинский
долг. Себя уберечь, мой сыночек,
не смог. На афганской земле ты погиб,
как герой, чтоб мирное небо было
над страной.
Дорогому сыночку от мамы. (A, i)
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher