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Ingeborg Jandl
Ich nenne im Buch nicht die wahren Namen. […] Aber im Tagebuch habe ich ihre Namen
festgehalten. Vielleicht wollen meine Helden einst, dass man sie erfährt: Sergej Amirchan-
jan, Hauptmann; Wladimir Agapow, Oberleutnant, Leiter einer Gefechtsbesatzung; Tatjana
Beloserskich, Zivilbeschäftigte; Viktoria Wladimirowna Bartaschewitsch, Mutter eines
gefallenen Soldaten […]. (A, 29)
Die Texte von Gelasimov und Šehić enthalten ähnliche Momente des Gedenkens.
In Žažda wird eine solche Intention anhand der Zeichnungen der Hauptfigur
erkennbar, die sowohl flüchtige als auch längerfristige Bekannte aus dem Krieg
vor dem Vergessen bewahren. Pod pritiskom enthält einen längeren Abschnitt, in
dem reale Menschen und Ereignisse aufgezählt werden. Außerdem hält die Über-
schrift fest, dass diese Geschichte existiert, d.h. dass alles Aufgelistete tatsäch-
lich passiert ist und erlebt wurde:
postoji ova priča
[…]
Postoji mrtav neprijateljski vojnik pokraj školske zgrade: ko prođe pored njega
obavezno mu sruči rafal u glavu. Postoje puške i bombe i meci u crnim okvirima.
Postoji drveće koje ložimo u limenim pećicama, i ono tako direktno odlazi u raj za drveće, prolazeći
kroz oblake lišene bilo kakve funkcije sem da plutaju neumoljivo kao ravna linija EKG-a.
Postojao je neko vrijeme patriotizam u meni, a onda je sve ošlo u kurac. […]
Postoje grbovi, zastave, činovi, novčane nagrade, vojne formacije, ratni zanos, patriotske
pjesme, znoj ispod pazuha […]. (Š, 138)
[Es gibt diese Geschichte
[…]
Es gibt einen toten feindlichen Soldaten neben dem Schulgebäude: wer an ihm vorbei-
geht, schießt ihm eine Gewehrsalve in den Kopf. Es gibt Kanonen und Bomben und Gra-
naten in schwarzen Hülsen.
Es gibt Brennholz, das wir in die Blechöfen legen, sodass es direkt in den Brennholzhimmel
auffährt, durch die Wolken, jeder Funktion entledigt, außer unerbittlich zu treiben wie die
gerade Linie eines EKG.
Irgendwann gab es in mir Patriotismus, dann ist er zum Teufel gegangen. […]
Es gibt Wappen, Flaggen, Dienstgrade, monetäre Belohnungen, Kampf
for
ma
tio nen, Kriegs-
begeisterung, patriotische Lieder, Achselschweiß […].]
Ein weiteres Fragment in Šehićs Text trägt den Titel kaleidoskop sjećanja [Kalei-
doskop der Erinnerungen]. Es handelt sich um eine autobiografische Skizze, die
bei der Kindheit beginnt und damit einen ersten Schritt setzt, die durch den Krieg
unterbrochene persönliche Lebensgeschichte wieder als Kontinuum zu betrachten:
U momentu rođenja (14.04.1970) težak sam 3.800 grama. Dugačak 42 cm. Ja sam dijete
aprila. Kao što svi znamo, travanj je mjesec mrtvih. […] Vrijeme je da zaronim u djetinjstvo
kao u osvježavajuće hladan zelenac Une. (Š, 129)
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher