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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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162    Ingeborg Jandl Ты когда-нибудь видел, как падает луч света в темную комнату из приоткрытой двери? В самом начале он узкий, а потом расширяется. Точно так же и человек. Сначала один, потом двое детей, потом четверо внуков. Понимаешь? Человек рас- ширяется, как луч света. До бесконечности. Ты понимаешь? (G, 237) Hast du mal gesehen, wie ein Lichtstrahl durch eine angelehnte Tür in ein dunkles Zimmer fällt? Zuerst ist er schmal, dann wird er immer breiter. Genauso ist der Mensch. Zuerst ist er allein, dann hat er zwei Kinder, dann vier Enkel. Verstehst du? der Mensch wird immer breiter, wie ein Lichtstrahl. Bis zur Unendlichkeit. Verstehst du? (G, 28) Alle drei Autor*innen lenken den Interessensfokus weg von Opfer-Täter-Zuschrei- bungen und versuchen, die Ereignisse als abstrakte Ganzheit ins Blickfeld zu rücken sowie zugleich auch deren individuelle Besonderheiten zu beleuchten. Dies bildet auch einen Ausgangspunkt für die Gefühlsarbeit, die bei Gelasimov über das Zeichnen, bei Šehić über das Erinnern an die Kindheit am Fluss Una und bei Aleksievič über das dialogische Zuhören eine Metaebene zur Handlungs- ebene der Texte bilden. Alle drei Perspektiven fassen die Ereignisse in den Blick, stellen jedoch das persönliche Erleben der Akteure über die Umstände selbst und widmen sich anhand dieses Prismas deren verletzlicher und verletzter Identität: А я слежу за чувством, а не за событием. Как развивались наши чувства, а не события. Может быть, то что я делаю, похоже на работу историка, но я историк бес- следного. Что происходит с большими событиями? Они перекочевывают в историю, а вот маленькие, но главные для маленького человека, исчезают бесследно. (А, i) Ich beobachte das Gefühl, nicht das Ereignis. Wie sich unsere Gefühle entwickeln, nicht die Ereignisse. Vielleicht ähnelt das, was ich tue, der Arbeit eines Historikers, aber ich bin eine Historikerin des Spurlosen. Was geschieht mit großen Ereignissen? Sie gehen in die Geschichte ein, die kleinen aber, die jedoch für den kleinen Menschen die wichtigsten sind, verschwinden spurlos. (A, 26–27) Diese Ebene der Gefühle ist es auch, wo Menschen am verletzlichsten sind. Dies erkennt Aleksievič in jenem Moment, als sie im Oktober 1993 den Prozess um Cinkovye mal’čiki verliert; beim Verlassen des Gerichtssaals findet sie dafür fol- gende Worte: – Как человек… Я попросила прощения за то, что причинила боль, за этот несовер- шенный мир, в котором часто невозможно даже пройти по улице, чтобы не задеть другого человека… Но, как писатель… Я не могу, не имею права просить прощения за свою книгу. За правду! (А, i) „Als Mensch… Als Mensch habe ich um Verzeihung gebeten dafür, dass ich Schmerz bereitet habe, für diese unvollkommene Welt, in der man oft nicht einmal die Straße entlanggehen kann, ohne einem anderen zu nahe zu kommen… Aber als Schriftstellerin kann ich nicht, habe ich nicht das Recht, für mein Buch um Verzeihung zu bitten. Für die Wahrheit!“ (A, 297)
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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