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Weder Held noch Opfer
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Der Prozess gegen Svetlana Aleksievič zeigt auf eindrückliche Weise, dass die
Wahrheit des persönlichen Empfindens und jene der kollektiven Selbst verortung
in der Gesellschaft nicht immer miteinander in Einklang zu bringen sind. Dies
setzt sowohl der Aufarbeitung von Traumatisierungen als auch der historischen
Aufarbeitung Grenzen, die nur in kleinen Schritten überwunden werden können.
6 Opferdiskurse zwischen Zuhören, Narration und
Geschichte
Alle genannten Formen des Gedenkens enthalten konfliktbehaftete Widersprü-
che, da die Situation von Kriegsheimkehrern eine zwischen Opfer und Täter,
Held und gesellschaftlichem Außenseiter ist. Narration, Zuhören und Geschichte
bilden dabei drei Perspektiven mit unterschiedlichem Potenzial, sich diesen
Widersprüchen zu nähern. Die Verletzlichsten sind jeweils die Heimgekehrten,
die mit Traumatisierung und Identitätsverlust kämpfen und sich zugleich als
Objekte der jeweiligen Erinnerungskultur wiederfinden.
Gelasimovs fiktionaler Text hat hier gewissermaßen den Vorteil, dass keine
konkreten Akteure mit diesen Verortungen und Zuschreibungen von außen
assoziiert sind. Demgegenüber bieten sowohl Šehićs autobiografisches als auch
Aleksievičs dokumentarisches Schreiben den Erzählenden die Möglichkeit, ihre
Traumatisierungen öffentlich zu reflektieren und sich dabei – möglicherweise –
in kleinen Schritten deren Überwindung anzunähern. In allen drei Fällen sind
eine empathische Zuhörerhaltung und ein an Wahrheit interessiertes Erzählen
notwendig, die trotz der unterschiedlichen Genres auch jeweils erreicht werden,
was jedoch nur dadurch möglich ist, dass die Geschichte in den Hintergrund tritt,
um die beschriebenen Menschen als emotional fühlendes Zentrum sichtbar zu
machen.
Zwischen Schreiben und Erzählen findet so jeweils ein wichtiges Stück
Gefühlsarbeit statt, das zu einer anderen Form von Wahrheit führt, als durch
Kriegsakten und mediale Diskurse zugänglich ist. Werturteile für oder gegen
Menschen weichen dem Blick auf Dynamiken politischer Entscheidungen und
menschlichen Handelns sowie auf die Verletzlichkeit aller Beteiligten. Durch
den individuellen Zugang und die Auflösung der Kategorien von Opfer und Täter,
Held und Außenseiter wird daher, wie die ähnlichen Erfahrungen zahlreicher
unterschiedlicher Zeugen nahelegen, die Geschichte nicht verfälscht, sondern
auf neue Weise zugänglich.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher