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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Weder Held noch Opfer    163 Der Prozess gegen Svetlana Aleksievič zeigt auf eindrückliche Weise, dass die Wahrheit des persönlichen Empfindens und jene der kollektiven Selbst verortung in der Gesellschaft nicht immer miteinander in Einklang zu bringen sind. Dies setzt sowohl der Aufarbeitung von Traumatisierungen als auch der historischen Aufarbeitung Grenzen, die nur in kleinen Schritten überwunden werden können. 6 Opferdiskurse zwischen Zuhören, Narration und Geschichte Alle genannten Formen des Gedenkens enthalten konfliktbehaftete Widersprü- che, da die Situation von Kriegsheimkehrern eine zwischen Opfer und Täter, Held und gesellschaftlichem Außenseiter ist. Narration, Zuhören und Geschichte bilden dabei drei Perspektiven mit unterschiedlichem Potenzial, sich diesen Widersprüchen zu nähern. Die Verletzlichsten sind jeweils die Heimgekehrten, die mit Traumatisierung und Identitätsverlust kämpfen und sich zugleich als Objekte der jeweiligen Erinnerungskultur wiederfinden. Gelasimovs fiktionaler Text hat hier gewissermaßen den Vorteil, dass keine konkreten Akteure mit diesen Verortungen und Zuschreibungen von außen assoziiert sind. Demgegenüber bieten sowohl Šehićs autobiografisches als auch Aleksievičs dokumentarisches Schreiben den Erzählenden die Möglichkeit, ihre Traumatisierungen öffentlich zu reflektieren und sich dabei – möglicherweise – in kleinen Schritten deren Überwindung anzunähern. In allen drei Fällen sind eine empathische Zuhörerhaltung und ein an Wahrheit interessiertes Erzählen notwendig, die trotz der unterschiedlichen Genres auch jeweils erreicht werden, was jedoch nur dadurch möglich ist, dass die Geschichte in den Hintergrund tritt, um die beschriebenen Menschen als emotional fühlendes Zentrum sichtbar zu machen. Zwischen Schreiben und Erzählen findet so jeweils ein wichtiges Stück Gefühlsarbeit statt, das zu einer anderen Form von Wahrheit führt, als durch Kriegsakten und mediale Diskurse zugänglich ist. Werturteile für oder gegen Menschen weichen dem Blick auf Dynamiken politischer Entscheidungen und menschlichen Handelns sowie auf die Verletzlichkeit aller Beteiligten. Durch den individuellen Zugang und die Auflösung der Kategorien von Opfer und Täter, Held und Außenseiter wird daher, wie die ähnlichen Erfahrungen zahlreicher unterschiedlicher Zeugen nahelegen, die Geschichte nicht verfälscht, sondern auf neue Weise zugänglich.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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