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Dagmar Gramshammer-Hohl
Wer hat mehr gelitten? Konfrontationen
zwischen Emigrierten und im Land
Gebliebenen
1 Einleitung
In der transnationalen Literatur werden häufig Fragen von Herkunft und Zugehö-
rigkeit verhandelt; ein wiederkehrendes Thema ist dabei das Leiden am Verlust
der Heimat, der Muttersprache, von verwandten und nahe stehenden Menschen
sowie die schwierige Suche nach Identität. Die Verlorenheit der Protagonist*innen,
die nach ihrer Fluchterfahrung nicht mehr Fuß fassen können, wird oft den Erfah-
rungen jener gegenübergestellt, die im Herkunftsland zurückgeblieben sind.
Auch sie sind Leidende, Opfer eines totalitären Regimes oder eines Bürgerkrie-
ges, dem sie, im Unterschied zu den Emigrant*innen, nicht entkommen konnten
oder wollten. Aus ihrer Sicht ist der Emigrant, wie es bei Milan Kundera heißt, ein
„Grand Traître“ [„Großer Verräter“], während jener selbst sich als „Grand Souff-
rant“ [„Großer Leidender“] erlebt (Kundera 2005, 38; 2001, 29).
Das Misstrauen, das den aus der Emigration vorübergehend oder dauer-
haft ins Herkunftsland Zurückkehrenden entgegenschlägt, aber auch deren
Misstrauen gegenüber jenen, die sich mutmaßlich mit der veränderten politi-
schen Situation „arrangiert“ hatten, erzeugt einen schwelenden Konflikt, der in
Remigrationsstudien immer wieder thematisiert wird und sich nicht selten als
Opferkonkurrenz darstellt (Stefansson 2004). Ebenso ist diese Opferkonkurrenz
Gegenstand literarischer Texte, die sie in unterschiedlicher Weise ausgestalten
und, wie im vorliegenden Beitrag argumentiert werden soll, auch Auswege aus
der konflikthaften Situation aufzeigen.
Die Konfrontationen zwischen Emigrierten und im Land Gebliebenen finden
im literarischen Text im Wesentlichen in zweierlei Form statt: Sie können als
unmittelbare, sozusagen ‚reale‘ Begegnungen geschildert werden oder aber als
imaginäre Auseinandersetzungen. In letzterem Fall wird die Konfliktaustragung,
-verhandlung und -lösung in das Innere der Protago nist*innen verlagert, in das
wahrnehmende, fühlende und sich erinnernde Ich.
Am Beispiel von transnationalen Texten aus dem ostmittel- und südosteu-
ropäischen Kontext sollen die konkurrierenden Leidens- und Opfererfahrun-
gen von Emigrierten und im Land Gebliebenen – Opfern des kommunistischen
Regimes beziehungsweise Opfern des Bosnienkrieges – einander gegenüberge-
stellt und diskutiert werden. Es wird zu fragen sein, worin das Leiden, das die
Open Access. © 2020 Dagmar Gramshammer-Hohl, publiziert von De Gruyter.
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Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Attribution 4.0 Lizenz.
https://doi.org/10.1515/9783110693461-008
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher