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Wer hat mehr gelitten?
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Der bosnische Schriftsteller Aleksandar Hemon kam 1992 als Stipendiat in
die Vereinigten Staaten; nachdem der Krieg ausgebrochen war, erhielt er Asyl
und lebt seither in Chicago. Schon sein erstes Buch, eine Sammlung von Kurz-
geschichten mit dem Titel The Question of Bruno (2000), schrieb er auf Englisch
ebenso wie sein zweites Werk, Nowhere Man, das im Mittelpunkt dieses Beitrags
stehen soll.
Ismet Prcić, der in Tuzla in Bosnien-Herzegowina geboren wurde und 1996
– also nach dem Krieg – in die USA zog, hat wie Hemon einen Sprachwechsel
vollzogen und veröffentlichte seinen preisgekrönten Debütroman Shards auf
Englisch. Aus Ismet Prcić wurde der bosnisch-amerikanische Autor „ISS-met
PER-sick“ beziehungsweise „Izzy“. Shards wurde als „eines der glaubwürdigsten
Zeugnisse des Jugoslawien-Kriegs“ gepriesen (Kunisch 2013).
2 Zum Begriff der Opferkonkurrenz
Da der Konflikt zwischen Emigrierten und im Land Gebliebenen hier als Opfer-
konkurrenz beschrieben wird – bei Milan Kundera ist wörtlich von „compétitions
de souffrance“ [„Leidenswettkämpfen“] die Rede (Kundera 2005, 49–50; 2001,
39), Anders H. Stefansson spricht mit Bezug auf Bosnien von einer „hierarchy
of homeland hardship“ (2004) –, soll an dieser Stelle kurz darauf eingegangen
werden, in welchem Zusammenhang der Begriff in der einschlägigen Literatur
in der Regel gebraucht wird und inwiefern er auf den hier diskutierten Kontext
übertragbar ist.
Von Opferkonkurrenz wird üblicherweise gesprochen, wenn Kollektive
– Nationalstaaten oder aber ethnisch, konfessionell oder anders bestimmte
Gruppen innerhalb von Staaten – einander gegenüberstehen, die sich jeweils
über ihren kollektiven Opferstatus als identitätsbildendes Merkmal definieren.
Am häufigsten wird Opferkonkurrenz im Zusammenhang mit dem Holocaust
thematisiert (Benbassa 2010; Chaumont 1997; Novick 1999; Rothberg 2009), vor
dessen Hintergrund, so der Einwand, andere kollektive Traumata – wie etwa jene
der Opfer des Stalinismus – zu verblassen scheinen. Aleida Assmann spricht sich
in ihrer Abhandlung Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur nachdrück-
lich gegen eine Gleichsetzung der stalinistischen Verbrechen mit der planvollen
Massenvernichtung der europäischen Jüd*innen aus und bringt dies mit Bezug
auf den Historiker Bernd Faulenbach auf folgende überzeugende Formel:
1. Die Erinnerung an die Verbrechen des Stalinismus darf die Erinnerung an den Holocaust
nicht relativieren.
2. Die Erinnerung an den Holocaust darf die Erinnerung an die Verbrechen des Stalinismus
nicht trivialisieren. (Assmann 2013, 114, 163)
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher