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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Wer hat mehr gelitten?    173 Man könnte nun einwenden, die Vorstellung von IdentitĂ€t als selbstverstĂ€ndli- cher Zugehörigkeit und voller Übereinstimmung, auch Übereinstimmung mit sich selbst, sei in einer pluralisierten Gesellschaft, wie sie gegenwĂ€rtig vorherrscht und jeden Einzelnen berĂŒhrt und verĂ€ndert, nicht mehr haltbar (Charim 2018). Dem ist uneingeschrĂ€nkt zuzustimmen, was nichts daran Ă€ndert, dass die Sehnsucht nach SelbstverstĂ€ndlichkeit und „vollen“ IdentitĂ€ten oftmals bleibt. Auch Charim spricht von der Notwendigkeit eines „Resonanzraums“, in dem ein subjektives GefĂŒhl von Teilhabe entstehen kann, sowie von einem durch die Pluralisierung hĂ€ufig ĂŒberforderten Individuum (Charim 2018, 77–78, 103–104). Zu berĂŒcksichti- gen ist daher der Kontext, in dem IdentitĂ€t erlebt und thematisiert wird. Die Erfah- rung einer brĂŒchig gewordenen IdentitĂ€t, einer Gespaltenheit des Ichs, der Verlust des GefĂŒhls von Zugehörigkeit und die tiefe Sehnsucht nach Wiedererlangung einer – wenn auch imaginĂ€ren – Ganzheit sind kennzeichnend fĂŒr das Erleben des Exils, wie nicht zuletzt psychoanalytische Studien zeigen (Grinberg und Grinberg 1989), und so auch fĂŒr dessen ReprĂ€sentation in der ihm gewidmeten Literatur. Emigration oder Exil – Begriffe, die im ost- und ostmitteleuropĂ€ischen Kontext weitestgehend synonym verwendet werden – sind durch zwei wesentliche Merk- male charakterisiert: Der Weggang erfolgte, erstens, unfreiwillig, und zweitens ist oder erscheint den Emigrierten die RĂŒckkehr in ihr Herkunftsland unmöglich. Auch wenn der Emigrant oder die Emigrantin nicht im eigentlichen Sinn exiliert (verbannt, expatriiert) wurde, wĂ€re er oder sie lieber geblieben, sah sich aber gezwungen, das Land zu verlassen, um in Freiheit und WĂŒrde leben beziehungs- weise ĂŒberleben zu können (Grinberg und Grinberg 1989, 156–165; Hausbacher 2009, 30–36; Neubauer 2009, 8). Das ZurĂŒckgelassene wird als unwiederbringlich Verlorenes erlebt und dargestellt, der Verlust als Verlust eines Teils des eigenen Selbst. Dies alles kristallisiert sich in einer Vorstellung von ‚Heimat‘, die infolge ihres Verlusts – oder drohenden Verlusts – erst Kontur annimmt. Der Aspekt der Unfreiwilligkeit des Weggangs ist einer der zentralen Streit- punkte im Konflikt mit jenen, die im Land geblieben sind. Letztere gehen hĂ€ufig davon aus, dass die Emigrierten sich anders entscheiden hĂ€tten können, so wie sie selbst es getan haben. Den Emigrierten hingegen erschien der Fortgang als die einzige Option. Kunderas Protagonistin Irena betont im GesprĂ€ch mit ihrer Freundin Milada die Schwierigkeit, sich als Emigrant oder Emigrantin in einem fremden Land „une petite place Ă  soi“ [„einen eigenen kleinen Platz“] zu schaffen (Kundera 2005, 49; 2001, 39). Es ist ihr Versuch, dem Vorwurf zu begegnen, man habe es sich leicht gemacht, und zu verdeutlichen, dass man in der Fremde ebenfalls mit Widrigkeiten zu kĂ€mpfen gehabt und durch die Selbstentfremdung gelitten habe. Prcićs Protagonist und Alter Ego Izzy wiederum leidet nicht nur aufgrund der Schwierigkeit, sich in seinem Aufnahmeland, den USA, zurechtzufinden, nicht
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Miloơević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
Kategorie
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