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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Wer hat mehr gelitten?    175 cken, die eigenartigerweise nicht zu den anderen Stücken passen. Während Jozef Pronek in manchen der sieben Teile des Romans etwa als selbstbewusster junger Mann erscheint, erleben die Leser*innen ihn in anderen Teilen als unsicheren, seelisch erschütterten Menschen, dessen amerikanische Freundin ständig sein fehlerhaftes Englisch verbessert. Der Text erfüllt somit – um Saadi Youssefs Worte aufzugreifen – die Funktion, die „Erinnerung“ an jenen Mann zu „bewahren“, der Pronek einmal gewesen ist und dessen Identität infolge von Krieg und Hei- matverlust „in Stücke zersplittert“ ist. Wiederum bringt der Titel des Romans ebendiesen Gedanken zum Aus- druck: Nowhere Man bezeichnet offensichtlich die Tatsache, dass der Ort, dem die Hauptfigur sich zugehörig fühlte, verloren gegangen ist. Der Untertitel des Romans lautet The Pronek Fantasies. Dies erklärt sich später im Text, wo es heißt: „Your memories become fantasies if they are not shared, and your life in all its tri- viality becomes a legend“ (Hemon 2012, 38 [Hervorhebung D.  G.-H.]). Die Erzäh- lung bewahrt somit die Erinnerung an den früheren Pronek und ist selbst das Medium, durch das diese Erinnerung mit anderen (den Leser*innen) geteilt wird – und das auf diesem Weg das Sehnsuchtsbild der Einheit und Ganzheit der Figur (wie auch der Einheit und Ganzheit des Textes) vermittelt. 4 Das Leiden der im Land Gebliebenen Sowohl in Hemons als auch in Prcićs Text unterbricht die Geschichte eines anderen die Erzählung über das Leiden in der Emigration. In Shards ist es jene Mustafas, der sich im Bosnienkrieg einer Kampfeinheit angeschlossen hat. Der Roman beginnt mit Mustafas Vorbereitung auf den Krieg und verdeutlicht in wenigen Sätzen, was es heißt, nicht vor diesem geflüchtet zu sein: In wartime, when his country needed him the most – his shooting finger for defending, his body for a shield, his sanity and humanity as a sacrifice for future generations, his blood for fertilization of its soil – in these most pressing times, Mustafa’s special forces combat training lasted twelve days. He ran the obstacle course exactly twenty-four times, he threw fake hand grenades through a truck tire from various distances exactly six times, he prac- ticed marksmanship with an air rifle so that bullets were not wasted, he got covered with blankets and beaten by his peers for talking in his sleep at least once. He did countless push-ups and sit-ups, chin-ups and squats, lunges and curls, mindless repetitions designed not to make him fit but to break him, so that when he was, the drill sergeant could instruct him in the ways of military hierarchy and make him an effective combatant, one who was too scared not to follow orders and who would fucking die when he was told to fucking die. (Prcić 2011, 9–10)
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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