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Wer hat mehr gelitten?
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cken, die eigenartigerweise nicht zu den anderen Stücken passen. Während Jozef
Pronek in manchen der sieben Teile des Romans etwa als selbstbewusster junger
Mann erscheint, erleben die Leser*innen ihn in anderen Teilen als unsicheren,
seelisch erschütterten Menschen, dessen amerikanische Freundin ständig sein
fehlerhaftes Englisch verbessert. Der Text erfüllt somit – um Saadi Youssefs Worte
aufzugreifen – die Funktion, die „Erinnerung“ an jenen Mann zu „bewahren“,
der Pronek einmal gewesen ist und dessen Identität infolge von Krieg und Hei-
matverlust „in Stücke zersplittert“ ist.
Wiederum bringt der Titel des Romans ebendiesen Gedanken zum Aus-
druck: Nowhere Man bezeichnet offensichtlich die Tatsache, dass der Ort, dem
die Hauptfigur sich zugehörig fühlte, verloren gegangen ist. Der Untertitel des
Romans lautet The Pronek Fantasies. Dies erklärt sich später im Text, wo es heißt:
„Your memories become fantasies if they are not shared, and your life in all its tri-
viality becomes a legend“ (Hemon 2012, 38 [Hervorhebung D. G.-H.]). Die Erzäh-
lung bewahrt somit die Erinnerung an den früheren Pronek und ist selbst das
Medium, durch das diese Erinnerung mit anderen (den Leser*innen) geteilt wird
– und das auf diesem Weg das Sehnsuchtsbild der Einheit und Ganzheit der Figur
(wie auch der Einheit und Ganzheit des Textes) vermittelt.
4 Das Leiden der im Land Gebliebenen
Sowohl in Hemons als auch in Prcićs Text unterbricht die Geschichte eines
anderen die Erzählung über das Leiden in der Emigration. In Shards ist es jene
Mustafas, der sich im Bosnienkrieg einer Kampfeinheit angeschlossen hat. Der
Roman beginnt mit Mustafas Vorbereitung auf den Krieg und verdeutlicht in
wenigen Sätzen, was es heißt, nicht vor diesem geflüchtet zu sein:
In wartime, when his country needed him the most – his shooting finger for defending, his
body for a shield, his sanity and humanity as a sacrifice for future generations, his blood
for fertilization of its soil – in these most pressing times, Mustafa’s special forces combat
training lasted twelve days. He ran the obstacle course exactly twenty-four times, he threw
fake hand grenades through a truck tire from various distances exactly six times, he prac-
ticed marksmanship with an air rifle so that bullets were not wasted, he got covered with
blankets and beaten by his peers for talking in his sleep at least once. He did countless
push-ups and sit-ups, chin-ups and squats, lunges and curls, mindless repetitions designed
not to make him fit but to break him, so that when he was, the drill sergeant could instruct
him in the ways of military hierarchy and make him an effective combatant, one who was
too scared not to follow orders and who would fucking die when he was told to fucking die.
(Prcić 2011, 9–10)
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher