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Dagmar Gramshammer-Hohl
5 Erkennen und anerkennen
Wie unterschiedlich die drei Autoren und ihre Werke auch sein mögen, so haben
Letztere doch einige auffÀllige Gemeinsamkeiten. In jedem dieser Texte dienen
jene, die emigriert, und jene, die zurĂŒckgeblieben sind, einander als Spiegel:
Indem sie den anderen betrachten, versuchen sie zu erkennen, wer sie waren; sie
suchen ein Ebenbild ihres frĂŒheren Selbst. Ebenso versuchen sie, einen Blick auf
die verschiedenen Richtungen zu werfen, die ihr Leben hÀtte nehmen können:
wer sie geworden wÀren, wenn sie ebenfalls geblieben oder, umgekehrt, gegan-
gen wÀren.
Um VerstĂ€ndnis dafĂŒr zu wecken, worunter PrciÄs Protagonist Ismet leidet,
ist es offensichtlich notwendig, jenes Schicksal miteinzubeziehen, dem dieser
entgangen ist. Izzy muss sein mögliches, unverwirklichtes, vom Krieg zerrĂŒtte-
tes âIchâ in seine ErzĂ€hlung integrieren, um ein Bild seiner selbst wiedergeben
zu können. Der ErzÀhler Ismet stellt sich jenem Schicksal, dem er entkommen
ist, vielleicht auch seinen SelbstvorwĂŒrfen, indem er seinem nicht verwirklich-
ten anderen âIchâ Mustafas imaginĂ€res Gesicht verleiht. Gegen Ende des Romans
scheinen die Persönlichkeiten von Ismet und Mustafa schlieĂlich zu verschwim-
men und ihre zwei Geschichten zu einer zu werden.
In Milan Kunderas Roman LâIgnorance findet sich eine in dieser Hinsicht
bezeichnende Episode. Die Protagonistin Irena, nach zwanzig Jahren im Exil
auf Besuch in ihrer Heimatstadt Prag, beschlieĂt, in einem GeschĂ€ft ein Kleid zu
kaufen:
Le pays ne regorgeait pas encore des marchandises de lâOccident et elle retrouva les mĂȘmes
tissus, les mĂȘmes couleurs, les mĂȘmes coupes quâelle avait connus Ă lâĂ©poque communiste.
Elle essaya deux ou trois robes et fut embarrassĂ©e. Difficile de dire pourquoiÂ
: elles nâĂ©taient
pas laides, leur coupe nâĂ©tait pas mauvaise, mais elles lui rappelaient son passĂ© lointain,
lâaustĂ©ritĂ© vestimentaire de sa jeunesse [âŠ]. Puis, passant par un grand magasin, elle se
trouva inopinĂ©ment devant une paroi recouverte dâun immense miroir et resta stupĂ©faite :
celle quâelle voyait nâĂ©tait pas elle, câĂ©tait une autre ou, quand elle se regarda plus longue-
ment dans sa nouvelle robe, câĂ©tait elle mais vivant une autre vie, la vie quâelle aurait eue si
elle Ă©tait restĂ©e au pays. (Kundera 2005, 38â39)
Im Land herrschte noch nicht der ĂberfluĂ an westlichen Waren, und sie fand die gleichen
Stoffe, die gleichen Farben, die gleichen Schnitte wieder, die sie in der kommunistischen
Zeit gekannt hatte. Sie probierte zwei oder drei Kleider an und war verwirrt. Schwer zu
sagen, warum: sie waren nicht hĂ€Ălich, ihr Schnitt war nicht schlecht, aber sie erinnerten
sie an ihre ferne Vergangenheit, die schmucklose Kleidung ihrer Jugend [âŠ]. SpĂ€ter, als sie
an einem Kaufhaus vorbeikam, fand sie sich unvermutet vor einer Wand mit einem riesigen
Spiegel und blieb verblĂŒfft stehen: die, die sie sah, war nicht sie, das war eine andere, oder,
als sie sich lÀnger in ihrem neuen Kleid ansah, das war sie, aber in einem anderen Leben,
dem Leben, das sie gelebt hÀtte, wenn sie im Lande geblieben wÀre. (Kundera 2001, 30)
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Kategorie
- LehrbĂŒcher