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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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180    Dagmar Gramshammer-Hohl kennung – dem Kampf darum, sich selbst zu erkennen, wie auch, von anderen (an)erkannt zu werden – bedürfen sie der Anerkennung ihrer Erfahrungen als Leid. Dies gilt für beide Seiten: für jene, die ihr Land verlassen haben, wie auch für jene, die geblieben sind. Wie der französische Philosoph Paul Ricœur in seiner Abhandlung über wechselseitige Anerkennung jedoch argumentiert, trägt das Bemühen, „Gerech- tigkeit auf die Idee der Äquivalenz zu beziehen, […] den Keim zu neuen Konflikten in sich“ (2006, 276). Dies führt zu dem, was Milada in Kunderas Roman als „Lei- denswettkämpfe“ bezeichnet. Ricœur stellt dazu fest: „Wenn das Aufhören des Streits das erste Kriterium für den Friedenszustand ist, dann besteht die Gerech- tigkeit den Test nicht“ (2006, 276).1 Seiner Ansicht nach stützt sich Gerechtig- keit, indem sie nach Äquivalenzen sucht, auf „Vergleich“ [„comparaison“] und „Kalkül“ [„calcul“] (2006, 276; 2005, 344). Ebendies lässt sich über Kunderas Romanfiguren sagen: Sie versuchen, sich selbst zu rechtfertigen, und halten ihr Leiden jenem der anderen entgegen, um von Letzteren Gerechtigkeit zu erfahren. Wie Anders H. Stefansson so treffend feststellt: Kundera shows that both exiles and stayees are so obsessed with having their hardships recognized by the „Other“ that they fail to attend to the suffering of the „Other“. (Stefansson 2004, 58) Ricœur zufolge können solche Kämpfe zu keinem Friedenszustand führen, in dem Menschen einander wechselseitig anerkennen. Das Vergleichen-Wollen ist die Falle, denn es relativiert das erfahrene Leid. Ricœur unterscheidet drei kulturelle Modelle von Friedenszuständen, die er mit den griechischen Namen Philia, Eros und Agape benennt. Die stärkste Form wechselseitiger Anerkennung wird durch Agape [Liebe] geschaffen: Der Agape fehlt die Idee der Äquivalenz, denn sie gibt, ohne dafür eine Gegengabe zu erwarten. Sie legt keinen Wert auf Reziprozität, worin sie sich vom Friedenszustand der Philia [Freundschaft] unter- scheidet. Nach Aristoteles ist die Philia, ohne eine Form der Gerechtigkeit zu sein, doch mit dieser verwandt. Vom platonischen Eros wiederum unterscheidet sich die Agape dadurch, dass ihr das Entbehrungsgefühl fehlt. Die Agape überwindet das Bedürfnis nach Äquivalenz und Wechselseitigkeit, sie verzichtet auf das Auf- rechnen von Gabe und Gegengabe, führt aber genau deshalb zu einer Form der symbolischen Anerkennung oder reconnaissance – im dreifachen Sinn des fran- 1  „La référence de la justice à l’idée d’équivalence contient en germe de nouveaux conflits […]. Si l’arrêt de la dispute est le premier critère de l’état de paix, la justice ne passe pas le test“ (Ricœur 2005, 343–344).
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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