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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Wer hat mehr gelitten?    181 zösischen Wortes, der auch Dankbarkeit miteinschließt (RicƓur 2006, 274–306; 2005, 341–378). Paul RicƓur beobachtet in seinem Versuch einer „semantischen Bestands- aufnahme“ [„rassemblement sĂ©mantique“] des Begriffs der reconnaissance eine „geregelte Polysemie“ [„polysĂ©mie rĂ©glĂ©e“] (2006, 20; 2005, 16–17). ZunĂ€chst bedeutet reconnaĂźtre, etwas oder jemanden zu erkennen, also als dasselbe oder dieselbe/denselben (idem) zu identifizieren – festzustellen, welche Merkmale des Dings oder der Person ĂŒber die Zeit hinweg unverĂ€ndert geblieben sind. Reconnaissance als Identifizieren beruht somit immer auf dem Vergleich unter- schiedlicher Okkurrenzen und lĂ€uft Gefahr, das/die andere oder den anderen zu verkennen. Reconnaissance als reconnaissance de soi [„Sich-selbst-Erkennen“] vermittelt zwischen dem Aspekt der Idem-IdentitĂ€t oder Selbigkeit und jenem der Ipse-IdentitĂ€t oder reflexiven Selbstheit. Sie bezeichnet eine KontinuitĂ€t des Selbst ĂŒber alle – durch die Zeit und die UmstĂ€nde bedingten – VerĂ€nderun- gen hinweg. FĂŒr RicƓur handelt es sich hierbei um eine IdentitĂ€t „trotz allem“ (2006, 168; 2005, 207): Bezogen auf personale IdentitĂ€t, hieße das, dass sich eine Person trotz aller VerĂ€nderungen, die sie durchgemacht hat, als ein- und dieselbe erfĂ€hrt. Menschen sind jedoch immer auch darauf angewiesen, welches Bild ihrer selbst die anderen ihnen vermitteln. Dies fĂŒhrt zur dritten Dimension des reconnaissance-Begriffs, nĂ€mlich jener der wechselseitigen Anerkennung [„reconnaissance mutuelle“]. Wie eine Person sich selbst sieht, hĂ€ngt nicht zuletzt auch davon ab, wie sie als Individuum – oder als Angehörige eines Kol- lektivs, dem sie zugerechnet wird – von ihrem GegenĂŒber gesehen (d.h. erkannt oder verkannt) wird. Von anderen (an)erkannt zu werden, ist ein Geschenk, das der Mensch mit ‚Dankbarkeit‘ entgegennimmt; wobei ‚Dankbarkeit‘ eine weitere, fĂŒr RicƓur keineswegs zufĂ€llige, Bedeutungs dimension des Wortes reconnaissance darstellt. Das BedĂŒrfnis, wiedererkannt beziehungsweise anerkannt zu werden, sowie die Sehnsucht danach, die durch die Erfahrung von Krieg, Exil oder Gewaltherr- schaft zerrĂŒttete IdentitĂ€t wieder ‚ganz‘ zu machen, also sich selbst wiederzu- erkennen, ist allen Protagonist*innen der hier besprochenen Romane eigen. Eine Bemerkung Irenas in Kunderas L’Ignorance bringt diese Mehrdeutigkeit des Begriffs reconnaissance besonders klar zum Ausdruck. Auf dem Weg nach Prag begegnet sie auf dem Pariser Flughafen Josef, von dem sie irrtĂŒmlich glaubt, dass auch er sie wiedererkenne, und meint: „Je te suis reconnaissante de me reconnaĂź- tre!“ (Kundera 2005, 56) [„Ich bin dir dankbar, daß du mich wiedererkennst!“ (Kundera 2001, 44)]. Der Titel des Romans selbst, L’Ignorance, bezieht sich auf die Tatsache, dass die Figuren nichts ĂŒber das Leiden der anderen wissen und dass ihre Unwissen- heit vielleicht sogar absichtsvoll ist. Zu echter Aussöhnung und ZustĂ€nden von
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Miloơević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
Kategorie
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