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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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182    Dagmar Gramshammer-Hohl (innerem wie äußerem) Frieden kann es, folgt man Ricœur, jedoch nur kommen, wenn Menschen ihr Gegenüber nach seinen Leidenserfahrungen fragen, also Wissen darüber erlangen wollen, ohne zu erwarten, dass man sich im Gegenzug auch für ihre eigene Leidensgeschichte interessieren wird. Um mit Isolde Charim (2018, 98–104) zu sprechen, handelt es sich bei der Opferkonkurrenz zwischen den Emigrierten und den im Land Gebliebenen um einen Konflikt, der nicht „teilbar“ ist – kein Konflikt ist es ausschließlich, immer enthält er einen unteil- baren Rest –, weshalb ein Konfliktlösungsmodell, das einer Ökonomie von Gabe und Gegengabe folgt, zum Scheitern verurteilt ist. Ricœurs Überlegungen zur wechselseitigen Anerkennung decken sich in wesentlichen Punkten mit Aleida Assmanns Konzept des „dialogischen Erin- nerns“ (Assmann 2013). Zwar geht es Assmann, wie wir gesehen haben, vorran- gig um eine Zusammenführung von Opfer- und Tätererinnerungen in transnatio- nalen Kontexten: Zwei Staaten entwickeln ein dialogisches Erinnerungsmodell, wenn sie einseitig oder gegenseitig ihren eigenen Anteil an der traumatisierten Geschichte des anderen anerken- nen und empathisch das selbst verursachte und zu verantwortende Leiden der anderen Nation ins eigene Gedächtnis mit einschließen. (Assmann 2013, 196) Die Herausforderung bestehe hierbei darin, dass das nationale Gedächtnis in der Regel monologisch funktioniere und durch den Fokus auf das eigene Leid keinen Raum für das Leid lasse, das man anderen zugefügt hat (Assmann 2013, 196). In dem in diesem Beitrag behandelten Zusammenhang haben wir es nicht mit Täterschaft im eigentlichen Sinn zu tun – bestenfalls mit dem Vorwurf des Verrats oder des „Desertiert-Seins“ (Kundera 2005, 78–79; 2001, 62–63; auch Stefansson 2004, 58–61), der die Emigrierten trifft und der doch eine gewisse Mitverantwor- tung, mitunter auch Mitschuld, am Leiden der im Land Gebliebenen suggeriert. Dennoch scheint Aleida Assmanns Modell auf den hier beschriebenen Konflikt übertragbar und mit Ricœurs Ansatz kompatibel: Sie begreift dialogisches Erin- nern als „wechselseitige Anerkennung von Opfer- und Täterkonstellationen in Bezug auf eine gemeinsame Gewaltgeschichte“ und sieht die Lösung in der „Auf- nahme der traumatischen Erinnerungen der anderen Seite ins eigene Gedächt- nis“ (Assmann 2013, 197 [Hervorhebung D.  G.-H.]). „Wechselseitige“ beziehungs- weise „gegenseitige Anerkennung“ liegt, wie Assmann mehrfach betont, diesem Lösungsmodell zugrunde, das dazu beitragen soll, „Opferkonkurrenzen“ und „Erinnerungskämpfe“ (2013, 196) zu überwinden. Es geht darum, „anschluss- fähige Geschichten“ [shareable narratives] (Assmann 2013, 200) zu entwickeln, in denen sich alle Seiten mit ihren schmerzvollen Erfahrungen wiederfinden können und die gemeinsam erst ein vollständiges Bild ergeben.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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