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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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186    Franziska Mazi, Andrea Zink Die neuen und alten Medien zeigen sich dabei, wie sich in den genannten Studien nachlesen lĂ€sst, als geschickte Opfer-TribĂŒnen. Ob literarische Texte oder Foto- grafien, Filme oder Fernsehaufnahmen – sie alle kommen als Mitleids-Katalysa- toren in Betracht. Auf eine kritische Befragung dieser Inszenierungen zielt nun gerade Vladi mir Arsenijević mit seinem 2008 verfassten – als ErzĂ€hlsammlung und zu Recht auch als Roman4 zu klassifizierenden – Werk Predator. Arsenijević wirft einen kĂŒhlen Blick auf Empathie und Opfer-Kult.5 Der Autor mag MitgefĂŒhl mit seinen Held*innen – mit wenigen Ausnahmen handelt es sich um KriegsflĂŒchtlinge – anregen, jedoch nur, um diese Emotion im nĂ€chsten Moment schon wieder zu zerstören. Arsenijevićs Figuren stammen aus dem nördlichen Irak, aus Bos- nien und dem Kosovo, und sie setzen sich im Verlauf des Textes gen Westen in Bewegung. Wir treffen sie in Berlin, in Barcelona, in Kopenhagen, im engli- schen Ilford und im US-amerikanischen Philadelphia wieder an. Zentral ist das Motiv des Durch- und Übergangs, es verdichtet sich in einem dĂ€nischen Heim fĂŒr Asylbewerber*innen, durch das die meisten Protagonist*innen geschleust werden. Schon der Titel des Werks lĂ€sst vermuten, dass die FlĂŒchtlinge unsere Zuneigung nur selten verdienen. Sowohl das englische predator (von lat. praedor – ‚Beute machen‘, ‚plĂŒndern‘), das in der gleichnamigen BinnenerzĂ€hlung durch den Film Predator (USA 1987, mit Arnold Schwarzenegger in der Hauptrolle) auf- gerufen wird als auch das serbische predator entsprechen der (deutschen) Bedeu- tung eines Raubtiers. Ein aggressives Tierleben, die globalen Ausmaße des Jagens und Raubens und die Bedeutung der Medien werden durch den Titel damit aufs KĂŒrzeste ins Spiel gebracht. Auch wenn Arsenijevićs Held*innen zu den Leidtra- genden gesellschaftlicher Krisen und politischer Machenschaften gehören – der irakisch-kurdische Konflikt und die Jugoslawienkriege der 1990er Jahre, darun- ter besonders der Kosovo-Krieg werden vielfach eingespielt –, so sind sie doch auf verstörende Weise aktiv. Raubtieren gleich ĂŒberfallen sie Freund*innen, passiv erleidenden Opfers dar (Fischer 2006, 71). Dass es ideale, „wĂŒrdige“ im Gegensatz zu „un- wĂŒrdigen“ Opfern in der von den Massenmedien geprĂ€gten europĂ€ischen Mehrheitsgesellschaft gibt, betont auch Martin Schulze Wessel (2012). 4  Die EinschĂ€tzung des Werks als Roman findet sich zum Beispiel unter https://www.laguna. rs/a979_autor_vladimir_arsenijevic_laguna.html, die EinschĂ€tzung als ErzĂ€hlsammlung unter https://www.b92.net/kultura/moj_ugao.php?nav_category=559&yyyy=2009&mm=05&nav_ id=324067. 5  Der Autor stellt mit seinem Werk nur eine Stimme innerhalb der postjugoslawischen Literatur dar. Daneben gibt es durchaus Autor*innen, die das Mitleid ihrer Leser*innen gezielt evozieren. Als Beispiel sei hier auf Slavenka Drakulićs Roman Kao da me nema (1999) [Als gĂ€be es mich nicht] verwiesen.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Miloơević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
Kategorie
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