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192 Franziska Mazi, Andrea Zink
Roman zieht, erreicht in „Oahu Jims letzter Episode # 2“ sogar einen Höhepunkt.
James Rice, das Opfer, das sexuelle Befriedigung in seiner Opferrolle findet, folgt
Nihil, dem Predator, in den Keller, legt sich dort auf den Boden und bringt einen
Dialog in Gang, der an ein unbeholfenes, sexuelles Herantasten von Teenagern
erinnert:
„Da li je tako bilo i ranije?“ oglasi se napokon Žrtva nešto mirnijim glasom.
„Ranije?“ tiho na to uzvrati Nihil Musa Baksi ne podižući pogled.
„Ranije“, kaže Žrtva. „S drugim … S drugima.“
„Ne volim da pričam o tome“, kaže Nihil Musa suvo.
Ipak, nekoliko trenutaka kasnije tiho doda: „Nije. Svaki put je drugačije.“
(Arsenijević 2009, 232)
[„War es auch früher so?“, fragt das Opfer etwas ruhiger.
„Früher?“, entgegnet Nihil Musa Baksi leise ohne aufzublicken.
„Früher“, sagt das Opfer. „Mit dem anderen … Den anderen.“
„Ich mag nicht darüber sprechen“, sagt Nihil Musa trocken.
Kurze Zeit später fügt er aber dennoch leise hinzu: „Nein. Jedes Mal ist es anders.“]
Nachdem sich Nihil mehrere Male versichert hat, dass das „Opfer“ wirklich
„bereit“ sei, zu sterben, äußert Jim, der das zukünftige „Fleisch“ verkörpert (sein
Kennwort im Internetforum ist „meat“), den Wunsch zu verbluten. Er möchte sich
beim Sterben selbst zusehen. Diesen melodramatischen Todeswunsch erfüllt ihm
Nihil aber nicht, er greift zur Pistole und erschießt sein Gegenüber schnell und
unspektakulär:
Žrtva je, kako se to od nje i očekivalo, samo nemoćno zakolutila očima i otplovila zauvek.
[…] Eto, koliko je sve to u stvari lako i jednostavno. Ah ah ah, jedan dva tri i – gotovo! Slatka
smrt je stigla. Konačno. Nema više Džejmsa Rajsa, nema u celom svetu voljenog i gleda-
nog Oahu Džima, malog Džima iz Filadelfije, grada bratske ljubavi i najmasnije hrane na
celom jebenom svetu. Hteo je da bude vinovnik sopstvenog umiranja, punopravni učesnik
u njemu do poslednjeg časa, a, eto, nasamaren je, događa se i to, nasamaren je i umlaćen
kao najobičnije goveče, lako, brzo i efikasno, uz izrazito racionalan, minimalan utrošak
energije od strane iskusnog Dželata koji je svoj posao obavio toliko mirno i staloženo da se
nije čak ni oznojio. (Arsenijević 2009, 234)
[Das Opfer verdrehte nur schwach die Augen und trieb für immer davon, wie man das von
ihm erwartete. […] Schau da, wie leicht und einfach das doch eigentlich alles ist. Ha, ha,
ha, eins, zwei, drei und – fertig! Der süße Tod ist da. Endlich. Es gibt keinen James Rice
mehr, es gibt den geliebten Oahu Jim, dessen Sendungen auf der ganzen Welt geschaut
werden, nicht mehr, den kleinen Jimmy aus Philadelphia, der Stadt der Bruderliebe und
des fettigsten Essens auf der ganzen verdammten Welt. Er wollte der Initiator seines Ster-
bens sein und der vollberechtigte Teilhaber bis zum letzten Augenblick, doch schau da, er
wurde hereingelegt, auch das passiert, er wurde hereingelegt und wie ein ganz gewöhnli-
ches Rind abgetan, leicht, schnell und effizient und das bei deutlich rationellem und mini-
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher