Seite - 193 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Bild der Seite - 193 -
Text der Seite - 193 -
Kritik der Empathie – oder: Das Opfer beißt zurück
193
malem Energieaufwand seitens des erfahrenen Scharfrichters, der seine Arbeit so ruhig und
besonnen verrichtete, dass er nicht einmal ins Schwitzen kam.]
Die Täter-Opfer Dichotomie wird hier auf heiter-lakonische Weise ebenso auf die
Schippe genommen wie die Lust am Opfer, die sadistische Empathie, die Lust des
Opfers an sich selbst und das Pathos des Sterbens. Nicht nur wird James am Ende
getäuscht, auch der Text hält nicht, was er den Leser*innen zu Beginn verspricht:
einen bittersüßen Tod mit Empathiepotenzial. Stattdessen räumt Nihil Baksi,
nachdem er sich lange von seinem Opfer ernährt und seine Sucht überwunden
hat, alle Spuren aus dem Weg und setzt sich gleichsam heiter nach Kalifornien
ab.
Nihil Baksi wird uns aber nicht nur als kühler Kannibale vorgeführt, sondern
auch als bedauernswerter Junge. Sorgfältig baut Arsenijević diese Empathie-
fährte in der zentralen, titelgebenden Erzählung seines Werks auf (2009, 83–146).
Bis zu diesem Zeitpunkt – falls wir den Text in der vom Autor angebotenen Rei-
henfolge lesen – sind wir mit Nihil erst vorsichtig bekannt gemacht worden. Der
kurdische Held mag uns ein wenig suspekt sein, immerhin sucht er im Internet
nach Menschenfleisch, aber wir treten ihm – der nunmehr als Kind und Jugend-
licher präsentiert wird – doch mehr oder weniger unbedarft entgegen. Nihil wird
aller Wahrscheinlichkeit nach unser Herz erweichen: Er muss erleben, wie sein
Vater vom irakischen Geheimdienst vor seinen eigenen Augen erschlagen wird, er
wird selbst verschleppt und brutal gefoltert, überlebt knapp und flieht mit seiner
Familie ins kurdisch besetzte Halabdscha. Dort sterben seine Mutter und die
beiden Schwestern bei einem Giftgasangriff der irakischen Luftwaffe. Nihil kann
sich mit seinem kleineren, von seiner Familie adoptierten Bruder Musa gerade
noch ins nahegelegene Gebirge retten.
Bis zu diesem Zeitpunkt erfüllt Nihil Baksi alle Anforderungen, um ein „wür-
diges“ Opfer zu sein und Empathie zu ermöglichen. Er ist jung und unschuldig,
fast noch ein Kind, wurde aufs Schwerste gefoltert und hat allein aufgrund seiner
ethnisch-religiösen Zugehörigkeit fast alle Familien angehörigen verloren. Er steht
förmlich vor dem Nichts, eine Situation, die sein Name vorherzusagen scheint.
Nihil weist außerdem positive Charakterzüge auf, er ist mutig und kümmert sich
um seinen kleinen, naiven Adoptivbruder. Die schlechte politische Situation tut
ein Übriges. Es ist unschwer zu erkennen, welches die ‚böse‘ und welches die
‚gute‘ Seite ist. Auf der einen stehen ein despotischer Diktator und seine brutalen
Repräsentant*innen, auf der anderen die vom Staat unterdrückten und terrori-
sierten Minderheiten der Kurd*innen und Jesid*innen.
Doch an einem bestimmten Punkt der Erzählung löst sich das Mitleid höchst-
wahrscheinlich auf, unsere Emotionen finden keine positiven Anhaltspunkte
mehr. Was bleibt, ist eine Figur, die sich so schuldig gemacht hat, dass sie als
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher