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196 Franziska Mazi, Andrea Zink
Titel „Wurzellosigkeit“ (Arsenijević 2009, 74).26 Die Wurzel- oder Heimatlosen –
so scheint uns der Text zu sagen – lassen sich vielfach vermarkten, und auf pro-
vokativ-ironische Weise beteiligt sich auch der Autor an diesem Spiel.27 Gerade
durch seine Einmischung verhindert er, dass wir uns mit dem Erzählten identi-
fizieren. Er fordert vielmehr die Aktivität seiner Leser*innen, ihr Kritikvermögen
heraus, und Arsenijević zieht dabei alle Register. Gleichsam nebenbei setzt er
ein klassisches, seit langem aber aus der Mode gekommenes Verfahren ein: sein
Erzähler tritt mitunter in einen direkten Dialog mit seinem impliziten Gegenüber:
„da samo jednom udahneš vazduh, čitaoče, i evo, nisi uspeo ni da ga ispustiš iz
pluća, a oni su već tu, u Berlinu“ (2009, 56) [du musst nur einmal die Luft ein-
atmen, Leser, und, siehe da, du hast sie noch nicht einmal aus deinen Lungen
gelassen, da sind sie schon hier, in Berlin].
Daneben organisiert der Autor die Handlung in Form einer filmisch anmu-
tenden Parallelmontage – um nur zwei Beispiele seiner Intervention zu nennen:
Dren Kastrati, als Kriegsflüchtling mit einem Ausweis der Genfer Konvention
ausgestattet, macht sich unter dem Einfluss seiner Freundin Lola auf den Weg
nach Berlin, und auch Marija Pavlović kommt – parallel geschaltet – gerade in
Berlin an, um an einer NGO-Veranstaltung teilzunehmen. Die beiden Handlungs-
fäden verbinden sich schließlich in einer grandiosen Tumult-Szene, die einem
durch und durch inszenierten Krieg entspringt: den alljährlichen, quasi rituali-
sierten Mai-Krawallen der linken autonomen Szene in Berlin. Die literarischen,
filmischen und fotografischen Verfahren, aber auch die Regeln von Festen oder
Wohltätigkeitsveranstaltungen, die sich alle um das Opferdasein drehen, werden
also in vielfältiger Weise als Fiktion entlarvt und als verlässliche Zeichen für die
Wirklichkeit in Frage gestellt.
Dabei sind die ökonomischen Manöver des Berliner Zentrums für interkul-
turellen Dialog ein besonderes Objekt des Autor-Spotts. Das Zentrum lädt Marija
und A.
Z.; die deutsche Übersetzung von Jelena Petrović (im Inhaltsverzeichnis fälschlicherweise
als Telend Petrović angegeben), die sich in Swartz’ Anthologie findet, wurde vermutlich in großer
Eile angefertigt, sie enthält viele Auslassungen und wird aus diesem Grund für den vorliegenden
Aufsatz nicht verwendet (Arsenijević 2007, 25–46).
26 Aus der Erzählung „Zemljaci“ (Arsenijević 2009, 147–194) [Landsleute] erfährt man, dass die
Dänin Hannah Nielsen für die Serie verantwortlich zeichnet, sie hat darüber hinaus Dokumen-
tarfilme über das Asylzentrum Avnstrup und über die Belgrader Studentenproteste der 1990er
Jahre gemacht (Arsenijević 2009, 154, 167).
27 Er macht sich nicht nur als Erfinder der Erzählung „Wurzellosigkeit“ bemerkbar, sondern er
hat noch weitere Literatur anzubieten: seine Heldin Marija Pavlović hat er aus einem Vorgän-
gerroman von Predator (Ti i ja, Anđela [1997]) entnommen und sie also eigenmächtig zu neuem
Leben erweckt.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher