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198 Franziska Mazi, Andrea Zink
kurrenz von Serb*innen und Albaner*innen samt den vorgefassten Meinungen
der westeuropäischen NGOs30 zur Schau. Brisant ist die Erzählung schließlich
vor allem, weil – in einem sehr kurzen Telefongespräch – die (mögliche, ja sogar
wahrscheinliche) Brutalität des realen Geschehens aufblitzt. Für einen Augen-
blick wird die Illusion nicht durchbrochen; die Leser*innen werden vielmehr in
die Wirklichkeits-Illusion eingelassen und mit der Vermutung konfrontiert, dass
die Telefonleitung die Wahrheit vermitteln könnte, den Tod, oder, um genauer
zu sein, die Ermordung eines Menschen: Nach seiner Ankunft in Berlin versucht
Dren Kastrati mehrfach erfolglos, seinen Vater im Kosovo per Telefon zu errei-
chen. Nach mehreren Wochen Unterbrechung scheint die Telefonverbindung
wieder zu funktionieren:
Tek da bi se smirio, da bi odstranio oblak tamnih slutnji koji se pred sumrak nadvio nad
njim, […] iz govornice na Šenhauzerale, Dren zove kući, u Prizren, i dah mu zastaje kak pro-
tivno očekivanijima dobije vezu […], a kad začuje zvuk podizanja slušalice, kratko statično
krčanje i napokon nesigurni muški glas koji na čistom srpskom kaže: Da? – on, u panici i
očajanju, naglo spušta slušalicu. (Arsenijević 2009, 59 [Hervorhebung im Original])
[Nur um sich zu beruhigen, um die Wolke düsterer Vorahnungen, die sich in der Däm-
merung vor ihm aufgebaut hat, zu vertreiben, ruft Dren […] aus einer Telefonzelle in der
Schönhauser Allee zu Hause, in Prizren, an und sein Atem stockt, als er unerwartet eine
Verbindung bekommt […] und als er hört, wie auf der anderen Seite der Hörer abgehoben
wird – ein kurzes statisches Rauschen und endlich eine männliche Stimme die auf Serbisch
Ja? sagt – legt er in Panik und Verzweiflung auf.]
Die Pause, das panische Auflegen des Hörers und die Unterbrechung des
Gesprächs signalisieren das Schweigen der (echten) Opfer, denn für Dren – und
letztlich auch für die politisch-historisch informierten Leser*innen – ist der Hin-
tergrund der Frage „Da?“ [Ja?], also das nicht erzählte Geschehen, klar: das väter-
liche Haus im Kosovo wurde von Serb*innen erobert, der Vater ist nicht mehr
dort, ja er ist vielleicht überhaupt nicht mehr unter den Lebenden, und diese
Ahnung wird durch einen zweiten Anrufversuch bestätigt: „Da ti pravo kažem“,
gibt der Serbe nun zu verstehen, „što se njega [tvog oca] tiče, tu nemaš više šta
da brineš“ (Arsenijević 2009, 65–66) [Um ehrlich zu sein, was ihn [deinen Vater]
betrifft, brauchst du dir keine Sorgen mehr zu machen].
30 Auch die westeuropäische öffentliche Meinung wird hier kritisiert, so unterstellen die west-
europäischen Linken (die Vertreter*innen der dänischen autonomen Szene) Dren Kastrati eine
religiöse Identität, die er gar nicht hat, die noch nicht einmal sein Vater (der vermeintlich ein
guter Jugoslawe war) hatte (Arsenijević 2009, 48–49).
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher