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Yaraslava Ananka, Heinrich Kirschbaum
Der Fluch des Viktimismus:
Die belarussische Gegenwartsdichtung
im
Teufelskreis der
Martyrologie
In der belarussischen Literatur etablieren sich bereits zu ihrer Entstehungszeit in
der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts einige bis heute nachwirkende
viktimistische Identitätstopoi, unter denen den antikolonialen Hinrichtungs-
bildern eine besondere Rolle zukommt. Christologische Projektionen schließen
dabei abgedroschene Muster des (post-)sowjetischen Heroismus ein. Die ethisch-
ästhetische Trägheit solcher martyrologischer kultureller Ikonen wird von der
Generation junger Schriftsteller*innen der 1990–2010er Jahre kritisiert und spie-
lerisch demontiert. Der entscheidende Ausbruch aus den Opferparadigmen wird
jedoch durch landspezifische außerliterarische Umstände erschwert: Belarus lebt
noch immer unter einer repressiven Autokratie, gegen die die Künstler*innen und
die Intellektuellen protestieren und dafür entsprechend verfolgt werden. Wider
Willen werden somit Gewalterfahrungen immer wieder zum Objekt poetischer
(Selbst-)Reflexion. Außerdem ist die Lage des Belarussischen selbst – in Folge
der langjährigen Russifizierung – bedroht, was wiederum zu Opfernarrativen
verleitet. In unserem Beitrag zeigen wir einige mit dem Viktimismus verbundene
Versuchungen und Herausforderungen der belarussischen Gegenwartsliteratur
auf und diskutieren einige repräsentative und zugleich originelle Versuche, die
erstarrten Opfer-Modelle zu subvertieren bzw. zu transformieren.1
1 Groteske Galgengymnastik
Seit den 1990er Jahren verwandelte sich Belarus langsam aber sicher in einen
totalitären Staat. Die Literatur in Belarus reagierte auf diese Entwicklung auf
unterschiedliche Weise. Einige Schriftsteller*innen verließen das Land und
kämpften aus dem Ausland für die Rechte der Mitbürger*innen und ihrer ver-
folgten Kolleg*innen. Andere wählten die innere Emigration. Vom besonderen
Status der Literatur in der belarussischen Gesellschaft zeugt allein die Tatsa-
che, dass viele Schriftsteller*innen und Dichter*innen politisch aktiv waren
1 Der vorliegende Beitrag stellt eine wesentlich erweiterte und überarbeitete Version unserer
ersten Annäherung an die hier diskutierte Problematik dar. Vgl. Ananka und Kirschbaum 2013.
Open Access. © 2020 Yaraslava Ananka, Heinrich Kirschbaum, publiziert von De Gruyter.
Dieses
Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Attribution 4.0 Lizenz.
https://doi.org/10.1515/9783110693461-010
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher