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206â â Yaraslava Ananka, Heinrich Kirschbaum
und Publizist Kastusâ KalinoĆski (polnisch: Konstanty Kalinowski, 1838â1864),
zu dessen Ehren die StraĂe in Minsk benannt wurde, war in den Jahren 1862/1863
Hauptredakteur und zugleich Autor der ersten belarussischen illegalen Revo-
lutionszeitung MuĆŒyckaja praĆda [Die Bauernwahrheit]. Die darin publizierten
Materialien und Artikel bereiteten direkt und indirekt den Boden fĂŒr den Januar-
aufstand (1863/1864), den KalinoĆski mit anfĂŒhrte. Die Rebellion richtete sich
gegen die administrative, ökonomische, kulturelle und sprachpolitische Gewalt
Russlands in den westlichen Gouvernements des Imperiums.
Die Niederschlagung des Aufstands und die Massenverfolgungen, die danach
kamen, leitete General Michail N. Muravâev (1796â1866). FĂŒr seinen kolonialen
Eifer hat er sogar ein Postfix zu seinem Namen verdient â Muravâev-Vilenskij (von
Wilna). In Litauen (und Belarus) bekam er wegen seiner Grausamkeit den Bei-
namen Muravâev-VeĆĄatelâ (Muravâev-der-Henker) und mit dieser Denomination
ging er auch in die Geschichte ein. Laut einer historischen Anekdote fragte man
Muravâev nach seiner Ernennung zum Gouverneur des Grodnoer Gouvernements
im Jahr 1831, ob er nicht ein Verwandter des gehenkten Rebellen, des Dekabristen
Sergej Muravâev-Apostol (1796â1826) wĂ€re. Der General antwortete, dass er nicht
von den Muravâevs stamme, die gehenkt werden, sondern von denen, die selbst
henken (Dolgorukov 1934, 295).
Diese von uns nacherzĂ€hlte Anekdote ĂŒber Muravâev-den-Henker, der sich
vom gleichnamigen Dekabristen lossagt, ist kein dekorativer Exkurs. Der Januar-
aufstand, an dem KalinoĆski teilnahm, zitiert historisch den Novemberaufstand
(1830â1831), der seinerseits an den Dekabristenaufstand (1825â1826) appelliert.
Gleich am Tag der Machtergreifung in Warschau, im November 1830, hielt man in
der polnischen Hauptstadt eine Andacht fĂŒr die gehĂ€ngten Dekabristen ab. Somit
baute man eine Genealogie der eigenen Erhebung auf und postulierte indirekt
das Prinzip einer intertextuell-mnemotopischen SolidaritÀt. Diesem heroisch-
viktimistischen Paradigma folgt â gezielt oder unwillkĂŒrlich â der Galgentext der
belarussischen Kultur und Literatur.
Unter den Opfern des berĂŒchtigten Muravâev ist auch der implizite Protago-
nist von Burlaks Gedicht Kastusâ KalinoĆski. Bei der Niederschlagung des Janu-
araufstandes wurde er verhaftet und zum Tod durch ErschieĂung verurteilt, die
syntaktisch weniger sperrig als âErinnerungsortâ. Sie ermöglicht auch eine produktive Adjektiv-
bildung (,mnemotopischâ) oder die Schöpfung weiterer Neologismen wie âmnemotopisierenâ bzw.
âMnemotopisierungâ (in der Bedeutung der Entstehung, Formung oder Konstruktion der Erinne-
rungsorte). AuĂerdem regt, wie uns scheint, der Begriff des Mnemotopos zu theoretisch fruchtba-
ren AnknĂŒpfungen an die damit semantisch verbundenen Begriffe wie âToposâ oder âChronotoposâ
an. Mit einem Wort: FĂŒr den âMnemotoposâ sprechen seine PrĂ€gnanz, seine Lakonik, sein wortbil-
dendes Potenzial und die konzeptionellen Valenzen zu verwandten Termini.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Kategorie
- LehrbĂŒcher