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Der Fluch des Viktimismus
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auf persönlichen Befehl Murav’evs durch den Galgen ersetzt wurde. In Erwar-
tung der Vollstreckung des Urteils verfasste Kalinoŭski die sogenannten Listy
z-pad šybenicy [Briefe vom Galgen bzw. Briefe von unter dem Galgen]: In seinem
geistigen Vermächtnis, geschrieben in einer verständlichen, rauen und bissigen
Volkssprache, kritisierte Kalinoŭski, dieser belarussische Luther und Kropotkin
in einem, die russländische hegemoniale Gewalt und formulierte zum ersten Mal
in der belarussischen Kulturgeschichte den Imperativ des Kampfes für die poli-
tische und kulturelle Autonomie der Region (Kalinowski 1867).6 Das Schicksal
und die Werke Kalinoŭskis übten einen großen Einfluss auf die Entwicklung der
belarussischen Sprache und Nationalidee und auf die Formung bestimmter Iden-
titätssujets aus. Seitdem assoziiert man im belarussischen Kultur
gedächtnis den
Galgen fest mit dem märtyrerischen Insurgententod im Namen der nationalen
Unabhängigkeit. Der Galgen wurde zum Symbol heroischer Selbstaufopferung,
zur fatalistischen Metapher und thanato poetischen Metonymie, zum allegori-
schen Chronotopos des belarussischen Widerstands.
Somit bildet der Name Kalinoŭskis, artikuliert gleich im tonangebenden
ersten Vers von Burlaks Gedicht, den Kulturcode und Schlüssel zur folgenden
Lektüre.7 Die ethische Aureole Kalinoŭskis und seines grausamen Todes ist
erklärtermaßen pathetisch und Burlaks Text subvertiert und rehabilitiert dieses
Pathos zugleich durch das Groteske. Der Chronotopos der Hinrichtung wird in
die Gegenwart transportiert, das alte Werkzeug des Todes, ein Symbol der Staats-
gewalt, wird in den städtischen Alltag integriert, als ob es Norm und Normalität
wäre. Man kann sich kaum ernsthaft vorstellen, dass im Innenhof eines moder-
nen Hauses ein Galgen steht, es kann so etwas nicht geben, aber so ist die Natur
der ironischen Hyperbel, dass sie letztendlich ihre eigene Ironizität anzweifelt,
– es ist (k)ein Spiel. Nun keimt in uns aber der Verdacht, dass die Hyperbolik der
Erscheinung eines Galgens mitten in Minsk trügerisch ist. Das (Schein-)Groteske
in Burlaks Gedicht trägt in sich Elemente von Satire, Tragikomödie und Antiuto-
pie, es setzt eine Interaktion zwischen Wirklichkeit und Phantasmagorie, alo-
gisch-hyperbolischer Karikatur und realistischer Glaubwürdigkeit, Lächerlich-
keit und Bedrohung voraus. Ausgehend vom Urbild der Hinrichtung Kalinoŭskis
und seines letzten Willens sondiert die belarussische Literatur in Burlaks Person
die Sujethaftigkeit dieser mnemotopischen Parabel und realisiert die termino-
6 Zur Figur Kalinoŭskis im belarussischen Kulturgedächtnis vgl. Kalinoŭski 1999, 148–219;
Smaljančuk 2011; Smaljančuk und Dynhli 2015.
7 Das Gedicht wird noch komplexer dank einiger biografisch-topografischer Subtexte: Vera
Burlak wohnt in Minsk in der Kalinoŭski-Straße, wovon viele ihrer Leser*innen wissen, für sie
gewinnt der Text dadurch an zusätzlicher Konkretheit und Authentizität.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher