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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Der Fluch des Viktimismus    209 Hinrichtung den modernen Moralvorstellungen nicht mehr entsprĂ€che, sondern aufgrund seiner technischen NichtaktualitĂ€t bzw. Obsoleszenz, der „moralischen Veraltung“ des konkreten HinrichtungsgerĂ€ts. Heute richtet man in Belarus die zum Tode Verurteilten durch einen Genickschuss hin.9 Die Metaphorik der Wort- verbindung „moralisch veralten“, die im Gedicht grammatisch-syntaktisch durch die Position des Lexems am semantisch betonten Ende des Verses und durch die Inversion von Verb und Adverb akzentuiert wird, verleiht – versetzt – dem Text den zusĂ€tzlichen (schein-)sarkastischen Ton. Die ĂŒbertragene Bedeutung des Phraseo- logismus kann wörtlich gelesen werden, die tote Metapher wird revitalisiert. Das angeblich ironische Subjekt in Burlaks Text artikuliert die genauen GrĂŒnde fĂŒr die Aufstellung des beĂ€ngstigenden Recks nicht und lĂ€sst den Leser*innen somit viel Interpretationsraum: von der DickhĂ€utigkeit und Dumm- heit der Machthaber, die die veraltete AusrĂŒstung wirtschaftlich an den Gemein- nutzen anpassen, bis zur zynischen, planmĂ€ĂŸigen Gewöhnung der Eltern und ihrer Kinder an eine potenzielle Bestrafung fĂŒr schlechtes Benehmen. In einem autokratischen Staat mit einem hoch effizienten repressiven System, in dem die Menschen auf offener Straße oder genauer, auf öffentlichen PlĂ€tzen fĂŒr schweig- sames Applaudieren verprĂŒgelt oder fĂŒr ihre Ansichten ins GefĂ€ngnis geworfen werden, wird die Angst zum Normalzustand und die Bestrafungsinstrumente werden so vertraut, dass auch ein Galgen auf dem Kinderspielplatz als Norm und Teil des Alltags erscheint. So ist es die leicht referenzialisierbare RealitĂ€t, die Burlaks Text in der Maske einer Hyperbel anspricht. Burlaks Text demonstriert und demontiert unterschiedliche Reaktionen auf den Galgen im Hof. Mit einem Galgenhumor reflektiert der Text das VerhĂ€ltnis zur Gewalt in der belarussischen Gesellschaft. Die Kinder wissen noch nicht, was der Galgen bedeutet, und haben daher noch keine Angst vor ihm. Syntaktische Par- allelismen verstĂ€rken die Komik und, entsprechend, die Tragik: In ihrer unschul- digen, naiven, daher jedoch nicht weniger gefĂ€hrlichen Furchtlosigkeit kodie- ren die Kinder primĂ€re Funktionen und symbolische Bedeutungen des Galgens fĂŒr ihre Spiele um. Im Gegensatz zum ‚Krieg spielen‘, wo die Rollenmodelle von Anfang an vorgegeben sind, Ă€ndern die Kindern beim ‚Galgen spielen‘ die Regeln. Statt Hinrichtung zu spielen, ihre Gemeinschaft in Henker und Gehenkte aufzuteilen etc., nutzen sie den Galgen als ein SportgerĂ€t, damit trainieren sie Fingerfertigkeit und Geschicklichkeit, Kraft und Ausdauer. Die in Burlaks Text stattfindende AufzĂ€hlung sportlicher Übungen enthĂ€lt dabei, allein sprachlich, deutlich erkennbare Rudimente (post-)sowjetischer BĂŒrokratismen aus dem Bereich des Sportunterrichts. Das Subjekt der ErzĂ€hlung ĂŒber den Galgen im Hof 9  Zur Todesstrafe in Belarus siehe Paluda, Stsepanenka und Hushtyn 2016.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Miloơević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
Kategorie
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