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Der Fluch des Viktimismusâ â
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Hinrichtung den modernen Moralvorstellungen nicht mehr entsprÀche, sondern
aufgrund seiner technischen NichtaktualitĂ€t bzw. Obsoleszenz, der âmoralischen
Veraltungâ des konkreten HinrichtungsgerĂ€ts. Heute richtet man in Belarus die
zum Tode Verurteilten durch einen Genickschuss hin.9 Die Metaphorik der Wort-
verbindung âmoralisch veraltenâ, die im Gedicht grammatisch-syntaktisch durch
die Position des Lexems am semantisch betonten Ende des Verses und durch die
Inversion von Verb und Adverb akzentuiert wird, verleiht â versetzt â dem Text den
zusĂ€tzlichen (schein-)sarkastischen Ton. Die ĂŒbertragene Bedeutung des Phraseo-
logismus kann wörtlich gelesen werden, die tote Metapher wird revitalisiert.
Das angeblich ironische Subjekt in Burlaks Text artikuliert die genauen
GrĂŒnde fĂŒr die Aufstellung des beĂ€ngstigenden Recks nicht und lĂ€sst den
Leser*innen somit viel Interpretationsraum: von der DickhÀutigkeit und Dumm-
heit der Machthaber, die die veraltete AusrĂŒstung wirtschaftlich an den Gemein-
nutzen anpassen, bis zur zynischen, planmĂ€Ăigen Gewöhnung der Eltern und
ihrer Kinder an eine potenzielle Bestrafung fĂŒr schlechtes Benehmen. In einem
autokratischen Staat mit einem hoch effizienten repressiven System, in dem die
Menschen auf offener StraĂe oder genauer, auf öffentlichen PlĂ€tzen fĂŒr schweig-
sames Applaudieren verprĂŒgelt oder fĂŒr ihre Ansichten ins GefĂ€ngnis geworfen
werden, wird die Angst zum Normalzustand und die Bestrafungsinstrumente
werden so vertraut, dass auch ein Galgen auf dem Kinderspielplatz als Norm und
Teil des Alltags erscheint. So ist es die leicht referenzialisierbare RealitÀt, die
Burlaks Text in der Maske einer Hyperbel anspricht.
Burlaks Text demonstriert und demontiert unterschiedliche Reaktionen auf
den Galgen im Hof. Mit einem Galgenhumor reflektiert der Text das VerhÀltnis zur
Gewalt in der belarussischen Gesellschaft. Die Kinder wissen noch nicht, was der
Galgen bedeutet, und haben daher noch keine Angst vor ihm. Syntaktische Par-
allelismen verstÀrken die Komik und, entsprechend, die Tragik: In ihrer unschul-
digen, naiven, daher jedoch nicht weniger gefÀhrlichen Furchtlosigkeit kodie-
ren die Kinder primÀre Funktionen und symbolische Bedeutungen des Galgens
fĂŒr ihre Spiele um. Im Gegensatz zum âKrieg spielenâ, wo die Rollenmodelle
von Anfang an vorgegeben sind, Ă€ndern die Kindern beim âGalgen spielenâ die
Regeln. Statt Hinrichtung zu spielen, ihre Gemeinschaft in Henker und Gehenkte
aufzuteilen etc., nutzen sie den Galgen als ein SportgerÀt, damit trainieren sie
Fingerfertigkeit und Geschicklichkeit, Kraft und Ausdauer. Die in Burlaks Text
stattfindende AufzĂ€hlung sportlicher Ăbungen enthĂ€lt dabei, allein sprachlich,
deutlich erkennbare Rudimente (post-)sowjetischer BĂŒrokratismen aus dem
Bereich des Sportunterrichts. Das Subjekt der ErzĂ€hlung ĂŒber den Galgen im Hof
9â Zur Todesstrafe in Belarus siehe Paluda, Stsepanenka und Hushtyn 2016.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Kategorie
- LehrbĂŒcher