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210 Yaraslava Ananka, Heinrich Kirschbaum
der Kalinoŭski-Straße versteckt sich noch kaum vernehmbar hinter den Zitaten
der schablo nenhaften Behördensprache und der (ent-)ironisierten fremden Rede.
In diesem Zitieren lässt sich ein weiteres Mal die gogolesk-kafkaeske Fun-
dierung von Burlaks Text erkennen. Seine grotesk-antiutopischen Finten balan-
cieren zwischen Farce und Karnevalismus mit dessen Umkehrungen jeglicher
Hierarchien. Wenn der bittere Sarkasmus der ‚Gymnastikstelle‘ auf den ersten
Blick übertrieben und überinterpretiert erscheint, so werden die Zweifel der skep-
tischen Leser*innen durch die Tatsache zerstreut, dass dieses Gedicht in Burlaks
Gedichtband mit dem Titel Za zdarovy lad žyc’cja [Für die gesunde Lebensweise,
Džėci 2003a] abgedruckt wurde. Bereits auf der paratextuellen Ebene des Bandes
vollzieht sich eine ironische Aneignung und Entfremdung offiziöser Sport- und
Gesundheitsdiskurse (dieser sekundären Merkmale einer totalitären – ‚unge-
sunden‘ – Gesellschaft). Im „Gedicht über den Galgen“ wird die Heuchelei des
Diskurses des Gesundheitswesens nicht nur durch die parodistischen Zitiermodi,
sondern in erster Linie im Kontrast mit der Semantik von Bestrafung und Hin-
richtung aufgedeckt. Dabei ist die ‚kindliche‘, sportlich spielerische Umkodie-
rung des Galgens metapoetisch nah am Hauptverfahren von Burlaks Text selbst.
Die Ethik und Autopoetik des Widerstands bilden eine untrennbare, imperative
(meta-)diskursive Einheit des „Gedichts über den Galgen“, und – im Großen und
Ganzen – der ganzen belarussischen Literatur der letzten zwanzig Jahre.
Der Reaktion der Kinder wird jene der Eltern gegenübergestellt. Die Eltern
wundern sich nicht über den Galgen und unternehmen nichts, um ihn fortzuschaf-
fen. Die Angst der Eltern wird zwar betont, aber ihre einzige Reaktion ist es, die
Kinder nach Hause zu rufen, sie von den gefährlichen Spielen abzuhalten, jedoch
nicht den Galgen selbst zu entfernen. Die Aufstellung des Galgens wird apathisch
als gegeben wahr- und hingenommen. Diese Demut und Indifferenz, die in den
nationalen Selbstbeschreibungen als Geduld und Toleranz (belarussisch rach-
manasc’) positiv konzipiert werden, sind auch Objekt der Selbstironie in belarus-
sischen Witzen. An dieser Stelle sei nur ein Beispiel angeführt: „Man erhängte
einen Belarussen. Er hing drei Tage, dann kam man, um ihn herunterzunehmen.
Er lebt aber immer noch. – Wie geht das? – Anfangs hat es ein wenig gedrückt,
aber danach habe ich mich daran gewöhnt“ (Novožilova 2010). Solche Witze poeti-
sieren die Multivalenz der belarussischen Indifferenz-Toleranz-Geduld-Demut, von
der Apathie bis zum Stoizismus, vom passiven Opportunismus bis zur Resistenz.
Burlaks Text ist außerdem im Genre der sogenannten detskaja strašilka [Kin-
dergruselgeschichte] verfasst, geschrieben in einer einfachen ‚Kindersprache‘.
Die Protagonist*innen einer strašilka sind Kinder, die, so das Sujetschema des
Genres, einem ‚schädlichen Gegenstand‘ begegnen, der als Träger böser Kräfte
fungiert: im Falle Burlaks dem Galgen als Metonymie der ‚bösen‘ Macht. Die
Protagonist*innen der Gruselgeschichte werden normalerweise vor der Gefahr
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher