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Der Fluch des Viktimismus
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[Dem Besiegten bleibt als Grabmal
Das trockene Holz des Galgens,
Als Ruhm die kurze Frauenklage
Und die langen Nachtgespräche der Landsleute.]
Es erscheint kaum berechtigt, darauf zu bestehen, dass Mickiewiczs Gedicht
einen unmittelbaren Subtext von Burlaks Text darstellt. Für diesen intertextuel-
len Bezug spricht jedoch nicht nur die Ähnlichkeit der Sujetsituation, sondern
auch Mickiewiczs Status in der belarussischen Kultur, wird er doch als eigener,
einheimischer Dichter, als Sänger von Belarus und Litauen betrachtet, der auf
Polnisch schrieb (Lojka 1959). Burlaks Text gerät in ein von Mickiewicz fundiertes
diskursiv-thematisches Feld, und auch wenn es sich dabei um keinen intendier-
ten intertextuellen Hyperlink handelt, dann ist es zumindest ein für die belarussi-
sche Literatur bezeichnender und feinfühliger antiimperialer Volltreffer. Mickie-
wiczs Text wurde im Jahre 1830 verfasst, auf dem Höhepunkt der Identitätskrise
Polens nach den russländischen Repressionen der 1820er Jahre, und er markierte
eine neue Phase in der polnischen ethischen und ästhetischen Kultur der Nieder-
lage und des Widerstandes. Durch den impliziten Bezug auf Mickiewicz paralleli-
siert Burlak die Lage von Belarus in den 2000er Jahren und Polens im Vorfeld des
Aufstandes von 1830–1831. Burlaks poetische Analyse der Resignation erweist
sich als latente Agitation, die Beschreibung des gesellschaftlichen Defätismus
als intertextuell motivierter Aufruf zum zivilen Widerstand.
Man kann die transkulturelle intertextuelle Verwurzelung des belarussi-
schen Galgendiskurses in der polnischen Tradition nie genug betonen. Der Para-
text von Kalinoŭskis Listy z-pad šybenicy geht auf die ursprünglich polnische
Bezeichnung dieses Textes zurück: Der Titel Pismo z pod szubienicy [Brief von
unter dem Galgen] wurde Kalinoŭskis Briefen vom polnischen Historiker Agaton
Giller gegeben (Kalinowski 1867), und zwar mit Rücksicht auf den bereits existie-
renden polnischen Galgendiskurs. Die Vernetzung des historisch einheitlichen
polnisch-belarussischen bzw. auch litauischen Galgenchronotopos setzt sich
fort.13 Im Jahre 2013 erschien in Minsk zum 150. Jahrestag des Januaraufstands
und der Hinrichtung Kalinoŭskis eine thematische Anthologie mit Gedichten
belarussischer und litauischer Dichter*innen zu diesem Ereignis. Das für diesen
13 2006 wurde der Oktoberplatz, auf dem die Protestierenden zelteten, von ihnen provisorisch
in Kalinoŭski-Platz umbenannt. Nach der Niederschlagung der Aktion hat die polnische Regie-
rung das Kalinoŭski-Stipendienprogramm (Program Stypendialny im. Konstantego Kalinowskie-
go) für politisch verfolgte bzw. exmatrikulierte belarussische Student*innen eingerichtet. Vgl.
die Beschreibung des Programms auf der offiziellen Seite der Stiftung: http://studium.uw.edu.pl/
program-im-kalinowskiego/ (5. September 2018).
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher