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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Der Fluch des Viktimismus    217 ckenzunge) referiert auf das letzte testamentarische Sturmläuten Kalinoŭskis. Die Glocken-Zunge des gehängten Körpers ist Metapher und Metonymie, Symbol und Allegorie zugleich. Im Gegensatz zu Karatkevič, der mit einer patriotischen Verzahnung von Kalinoŭskis Körper und der belarussischen Flagge arbeitet, zielt Šnips Text auf eine weitere Sakralisierung des Sujets ab. Die Glocken-Zunge bzw. Glocken-Sprache beschreibt die Himmelfahrt des Insurgenten – des Gerechten. Man bleibt im vorgegebenen patriotisch-christologischen Paradig ma. Kalinoŭski wird zum Heiligen, das Bild seiner Hinrichtung wird zu einer literarischen Ikone, und der Dichter selbst zum poetischen Hagiografen. Das ethische Problem solcher Logotypen besteht darin, dass sie die psychologisch bequeme Opferposi- tion bestätigen und verfestigen, wobei von der geradezu mechanischen Reprodu- zierbarkeit solcher poetischen Ikonen eine ernst zunehmende ästhetische Gefahr ausgeht. Das martyrologisch-mnemotopische Mem, seine aufdringliche Litanei wird zur Schablone, und es bedarf viel Mühe, um den Automatismus der Produk- tion und Rezeption des Galgensujets zu verfremden.20 Die Erneuerung des Galgenchronotopos, der zur notorischen Floskel, ja zum Topos – zum Allgemeinplatz – der belarussischen Literatur wurde, bedarf einer radikalen Sujetverzerrung. Die Dichter*innen der jungen Generation variieren und demontieren das Motiv, indem sie es in für den Galgendiskurs ungewöhn- liche Kontexte verschieben, z.B. in die Liebeslyrik.21 Bleiben die Galgennarrative in den klassischen Ausprägungen des Paradigmas im national-patriotischen ideologischen Rahmen, so stellt die Verwendung von Topoi der Hinrichtung in Liebessujets eine Privatisierung und Intimisierung dar. Der Topos wird entauto- matisiert: Burlaks Gedicht verbindet die Poetik einer Kindergruselgeschichte mit einer Gruselgeschichte für Erwachsene, die Tragik wird nicht von der frontalen 20  Die Treue gegenüber der tradierten Galgenpoetik ist keine Frage der Generation. Auch jünge- re Autor*innen, wie z.B. Z’mitrok Kuzmenka (geb. 1980), der sich mit dem Januaraufstand auch in seinen geschichtswissenschaftlichen Untersuchungen beschäftigt, oder Taccjana Sivec (geb. 1982) folgen in ihren Kalinoŭski-Texten den in vielerlei Hinsicht anachronistischen Mustern der viktimistischen Galgenpoetik der vorherigen Dichtergenerationen (Kuzmenka 2012, 69 und Sivec 2003). Zu kulturhistorischen Substraten in der Poesie Kuzmenkas siehe McMillin 2015, 62–67. Zur (manchmal selbstironischen) Verflechtung des Historischen und Alltäglichen in der Dichtung Sivec’ siehe McMillin 2015, 110–115. 21  So arbeitet die Minsker Dichterin Vika Тrėnas (geb. 1984) im Gedicht „Čužynec“ [Der Fremde] an der Metaphorik des Galgens in der Topik des Liebesviktimismus (vgl. Тrėnas 2005). Die süße Liebeserstickung in der Schlinge des geliebten „Fremden“ wird durch die Einführung der Gal- genbilder intensiviert. Zur Poetik von Vika Тrėnas vgl. Makmilin 2011, 859–864. Zu einem ähnli- chen Verfahren der Dramatisierung der Liebesrhetorik via Hinrichtungstragik greifen auch an- dere junge Dichter wie Vital’ Ryžkoŭ (geb. 1986) oder Andrėj Adamovič (geb. 1984), vgl. Ryžkoŭ 2018 und Adamovič 2012. Zur Poetik Ryžkoŭs vgl. McMillin 2015, 85–91.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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