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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Der Fluch des Viktimismus    219 Für den Abschied vom Freund (von der Freundin?) hatte er seine Gründe. Der Diskurs und der eigene Tod bedeuteten da dasselbe. […] Wenn es unvermeidlich ist, dass der Text gleich Vorbereitung auf den Tod ist, Geh in das Tartaros der Puppen wie ein echter Orpheus!..] In Chadanovičs Text, der bereits im Titel neben den Verweisen auf die antike Tradition poetischer Epistolarien den Anspielungen auf Kalinoŭskis Testament dezidiert nicht aus dem Weg geht, wird die poetologische Fraglichkeit des Gal- genchronotopos diskursiviert. Hier werden die Briefe vom Galgen nicht mehr als ein sujetbildendes Thema, sondern fast schon als eine feste, idiomatische Genre- bezeichnung gebraucht. Der einzige Weg aus dieser Routine ist die Umkodierung, die Transformation der Briefe vom Galgen in das poststrukturalistisch aufzufas- sende Galgen-Schreiben. Die Literaturkritikerin und -wissenschaftlerin Hanna Kis’licyna (geb. 1967), geht der postmoder nistischen Collage von Zitaten, Allusio- nen und Periphrasen von Chadanovič nach: Хадановіч, здаецца, пабіў усе магчымыя рэкорды play non stop, абгуляўшы ўсё, улучна з самім тэрмінам „постмадэрнізм“. Postmodern – у большасьці эўрапейскіх моваў даслоўна чытаецца як „сучасная пошта“. Пошта – ліставаньне, ліставаньне – адрасат, адрасат – чытач, чытач – аўтар, аўтар – бартаўская „сьмерць аўтара“, сьмерць – шыбеніца, шыбеніца – пятля… Шыбеніца й пятля адпавядаюць „Лістом“ і „Рэпартажу“, якія роўныя камэнтару, а камэнтар – ня толькі ўлюбёны жанр постмадэрністаў, але, у пэўным сэнсе, і спосаб мысьленьня. (Kis’licyna 2003, 7–8) [Chadanovič stellt alle möglichen Play-non-stop-Rekorde auf und spielt alles durch, den Terminus des Postmodernismus inklusive. Postmodern: in den meisten europäischen Spra- chen kann man es wörtlich als „moderne Post“ lesen. Post – Korrespondenz, Korrespon- denz – Adressat, Adressat – Leser, Leser – Autor, Autor – Barthes’ „Tod des Autors“, Tod – Galgen, Galgen – Schlinge… Der Galgen und die Schlinge entsprechen den „Briefen“ und der „Reportage“, die dem Kommentar gleich sind, und der Kommentar ist nicht nur das Lieblingsgenre der Postmodernisten, sondern auch im gewissen Sinne ihr Denkmuster.] In Chadanovičs intertextuellen Kalauerspielen erfährt der berüchtigte Tod des Autors, lokalisiert im Kontext belarussischer Kulturrealien, neue, verzerrte Bedeutungen und Umdeutungen. Roland Barthes’ Metapher vom Tod des Autors – eine tote Metapher – wird tragisch realisiert. Chadanovič schlägt zwei Fliegen – die poetologische und die ideologische – mit einer Klappe: Der klischeehafte Hin- richtungsdiskurs wird dekonstruiert, sein tragisches Ethos jedoch vor der totalen Ironie der Postmoderne gerettet. Der träge Galgentopos wird zum Teil eines tod- ernsten Spiels, die (para-)postmodernistische Innovation entblößt die Aktualität eines diskursiven Archaismus. Die Intertextualisierung des belarussischen Galgendiskurses verfolgt mehrere Strategien. Zum einen wird er dabei in die Paradigmen der entsprechenden pro-
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
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