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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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220    Yaraslava Ananka, Heinrich Kirschbaum minenten Texte der Weltliteratur eingeschrieben, zum anderen wird er, ohne an seiner belarussischen Spezifik einzubüßen, international und interkulturell anschlussfähig. Bezeichnend für solche Erweiterungen des intertextuellen Wir- kungsgrades ist der bereits erwähnte Text von Jan Zbažyna (2004), in dem neben den ‚Klassikern des Genres‘ wie Kalinoŭski und Fučík sowie belarussischen All- tagsanekdoten über den Galgen auch diverse Werke der Moderne erwähnt werden, in denen es ums Erhängen geht, von Paul Verlaine und James Joyce bis Hermann Hesse und Kurt Vonnegut. Die Reihe der Beispiele für den Kulturtransfer des Galgenchronotopos kann, wenn nicht ewig, dann zumindest sehr lange fortsetzt werden. Wir möchten an dieser Stelle auf das wohl kurioseste und zugleich wenig bekannte Beispiel einer solchen transkulturellen Vernetzung verweisen, ein Beispiel aus den 1970er/ 1980er Jahren, das eines Tages sicherlich zum Gegenstand einer gesonderten bela russistischen Studie bestimmt werden wird. Das Poem von Ivan Laskoŭ (1941–1994) Kul’ha [Der Lahme] (Laskoŭ 2014, russ. Laskov 1975) handelt von den sogenannten Sarbadaren (wörtlich aus dem Farsi: „Kopf am Galgen“), Teil- nehmer der rebellischen (Derwisch-)Bewegung in Chorasan, die sich gegen die Herrschaft Tamerlans (1336–1405) richtete. Das Lebenscredo der Sarbadaren, arti- kuliert in der Selbstbezeichnung, lautete: Lieber auf dem Galgen sterben als sich unterwerfen. In Laskoŭs Poem kommuniziert ein orientalistisch – selbstorientali- sierend – exotisches Sujet indirekt ein belarussisches Identitätsbild, eine Episode aus der zentralasiatisch-persischen Geschichte liest sich hier als eine Parabel des belarussischen Kampfes gegen die politische, kulturelle und sprachliche Russifi- zierung. Die Persönlichkeit und das Werk Laskoŭs, eines bemerkenswerten Dich- ters, Prosaikers und Literaturkritikers, jedoch auch Historikers und Anhängers der Konzeption von der finnougrischen Herkunft der Belarussen, ist in toto uner- forscht. In seinen Texten kommt es zu komplexen Verflechtungen diverser Auto- orientalismen, die für die spätsowjetischen literarischen neoeurasischen Kon- zepte bezeichnend sind. So wurde Laskoŭs Poem in Jakutien geschrieben, und zwar in den 1970er Jahren, d.h. auf dem Höhepunkt der Popularität der ethno- genetischen Theorien des Historikers Lev Gumilev (1912–1992). Im Falle Laskoŭs kommt es dabei zu Überlappungen dieser Diskurse mit expliziten und impliziten belarussischen antiimperialen Identifikationen und historiosophischen Konst- rukten des Autors. Sein martyrologisches Galgenpoem stellt ein unterschätztes Beispiel einer solchen Amalgamierung dar. Zu einem wichtigen poetisch-diskursiven Raum der reziproken Involvierung des belarussischen Galgenschreibens und des Hinrichtungs topos der europä- ischen Literatur wird die Übersetzung. Über translatorisch-intertextuelle (Um-) Wege probiert der belarussische Galgendiskurs diverse thanatopoetische Masken des abendländischen Katastrophismus an, erneuert sich dadurch, deformiert
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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