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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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222    Yaraslava Ananka, Heinrich Kirschbaum Віён на поўніцу адчуў усемагутнасць праваабаронцаў, хоць у краіне так і не скасавалі сьмяротнага пакараньня, а нават калі скасуюць – што зьменіць купка дысыдэнтаў з транспарантамі „дзе Віён?“. (Chadanowicz 2006, 40) [Villon bekam in vollem Maße zu spüren die Allmacht der Bürgerrechtler, obwohl man im Lande die Todesstrafe immer noch nicht abschaffte, und auch wenn man sie abschaffen würde – was wird ein Häufchen Dissidenten ändern mit den Plakaten „Wo ist Villon?“] Wir haben es hier mit einem repräsentativen Beispiel für die Einbeziehung einer fremdsprachigen (diesmal: französischen) Literatur bzw. Literaturgeschichte in den belarussischen Kontext zu tun. Politisch brisante Villon-Verweise zielen nicht nur auf die in Belarus geltende Todesstrafe. Noch viel riskanter ist das Motiv protestierender Menschenrechtsaktivist*innen mit den Transparenten „Wo ist Villon?“. Ende der 1990er – Anfang der 2000er Jahre sind in Belarus einige freie Journalisten und politische Opponenten des amtierenden Präsidenten verschwunden: Viktar Hančar (1958–1999?), Ananatol’ Krasoŭski (1952–1999?), Jury Zacharanka (1952–1999?) und Dzmitryj Zavadski (1972–2000?); ihr Schick- sal bleibt bis heute unbekannt. Jahr für Jahr kommen zu den Protestaktionen Menschenrechtsaktivist*innen, Verwandte und andere Bürger*innen mit Fotos der Verschwundenen oder mit Plakaten, auf denen nur die rhetorische Frage steht: „Wo ist Gančar? / Krasoŭski? / Zacharanka? / Zavadski?“. Der kurze Vers „Wo ist Villon?“, der nach dem Stellenwert Villons in der (belarussischen) Gegen- wartsliteratur fragt, appelliert referenziell vor allem an diesen erschreckenden politischen ‚Intertext‘. Die belarussische Situation der totalen Rechtlosigkeit und Verfolgung von Andersdenkenden, so die indirekte Analogie Chadanovičs, unter- scheidet sich nur wenig von der im mittelalterlichen Frankreich. Sogar die Auf- hebung der Todesstrafe in Belarus käme einer rein äußerlichen, geradezu kos- metischen Veränderung des autoritären Staates gleich. Angst und Trauer würden bleiben, denn jeder Mensch in Belarus, jeder ‚Villon‘, über dessen Schicksal nach 1463 nichts bekannt ist, kann jederzeit spurlos verschwinden. In Chadanovičs Text ist die Villon-Strophe die einzige explizit politische; in den anderen Teilen des Textes ist die Rede davon, wie sich das Leben der Klassi-
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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