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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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224    Yaraslava Ananka, Heinrich Kirschbaum belarussische Literatur mit burlesken Travestie-Poemen begonnen. Nach diesem selbstironischen Auftakt, dem Chadanovič in seiner Autogenealogie folgt, kämen jedoch laute Briefe vom Galgen, raue Kampftexte; es schien, dass man gleich ver- haftet werde, wenn man zu dichten beginne. Die Literatur habe die Eigenschaft, das Schicksal zu programmieren, und tatsächlich werden Autoren in Belarus terrorisiert und man könne für seine Texte ins Gefängnis kommen. Chadanovič selbst habe natürlich eine politische Position, aber drücke sie anders aus. Der lyrische Held solle wieder entheroisiert werden, er brauche Distanz zu seiner Pose (Kurs 2002, 37). Briefe vom Galgen wurden zunehmend zu einem echten Einzelgenre, das die belarussische Literatur mechanisch reproduziert. Die repressive Situation im Lande verfestigt diese Fixiertheit. Der Galgenchronotopos zeigt en miniature, wie eine viktimistisch ausgerichtete Literatur zwar zum Medium politisch relevanter Aussagen wird, jedoch sich selbst dabei auf die Replikation atrophierter herois- tischer Identifikationen reduziert. Dabei soll man unter Heroismus sowohl ein gewisses Ethos (der Selbstaufopferung) verstehen als auch den Schreibmodus (der Heroik). Die Meme moralistischer Heroik sind sekundär. Diese Sekundarität ist an sich keine Sünde, Literaturen und Kulturen leben und erneuern sich durch Variationen, Imitationen und Improvisationen eines vorgegebenen Themas. Das Problem ist aber, dass der Galgentext des neunzehnten Jahrhunderts durch die russischen und sowjetischen Muster des Heroismus ging, d.h. genau durch die indoktrinierten Identitäts modelle, die die belarussische Literatur in ihrem Impe- rativ der antikolonialen Emanzipation eigentlich zu überwinden versucht. Ein aussagekräftiges Beispiel für die Demontage dieser Sekundarität stellt Chadanovičs Gedicht „S’peŭ ab maim suizydze“ [Gesang über meinen Suizid] dar: Ён з маленства пабойваўся моргаў і ў сырую ня мкнуўся зямлю, ды прасцюжаны фатум зашморгаў – і зашморгваў на шыі пятлю! Казыталі прывабныя мроі, спакушалі душу міражы: у суіцыдна-гульлівым настроі цяжка не перакрочыць мяжы. Непатрэбныя думкі папёрлі. Ратавала жыцьцё драбяза. На крыху недаголеным горле замірала лезгінка ляза.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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