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Der Fluch des Viktimismus
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Палка прагнуў далёкай вандроўкі –
і знайшоў пуцяводную ніць.
А чароўнасьці мыльнай вяроўкі
не разьбіць, не стрымаць, не спыніць!.. […]
(Chadanovič 2001, 31)
[Von Kindheit an hatte er Angst vor Leichenhäusern
Und eilte nicht unter die rohe Erde,
aber das erkältete Fatum schnüffelte –
und zog die Schlinge um den Hals zu!
Es kitzelten reizvolle Träume,
es verführten die Seele Phantome:
In suizidal-spielerischer Stimmung
Ist es schwer, die Grenze nicht zu überschreiten.
Es drängten sich unsittliche Gedanken.
Bagatellen retteten das Leben.
An der leicht unrasierten Kehle
Erstarrte der kaukasische Tanz der Klinge.
Mit Eifer wartete er auf eine Reise in die Ferne
Und fand den wegweisenden Faden.
Und die Zaubereien des seifigen Stricks
Sind nicht zu zerschlagen, nicht aufzuhalten, nicht zu stoppen!..]
Der lyrische Held steht an der Schwelle des Selbstmordes, er spielt (literarisch)
mit den (ebenfalls literarischen) Todesgedanken und testet diverse suizidale
Sujetlösungen. Chadanovič integriert in seine Version des Galgenparadigmas
die Anspielungen auf das andere – neben dem Galgen – autoritative Emblem der
belarussischen Opposition: das Wappen des Großfürstentums Litauen. Die soge-
nannte Pahonja [Der Ritt], literarisch kanonisiert im gleichnamigen patriotischen
Gedicht (1916) von Maksim Bahdanovič (1891–1917), gilt heute unter den Oppo-
sitionellen als die inoffizielle Hymne von Belarus: „Стародауняй Літоускай
Пагоні / Ні разбіць, ні спыніць, ні стрымаць [sic]“ (Bahdanovič 1919) [Der alte
Litauische Ritt / Ist nicht zu zerschlagen, nicht aufzuhalten, nicht zu stoppen].
Das parodistisch anmutende Zitieren und die den Text durchdringende Ironie
akzentuieren die Schlüsselaussage des Gedichts: Der heroische Tod ist heute
nicht mehr angebracht, er ist anachronistisch und lächerlich. Hinter der künst-
lerischen Ausbeutung des Opferheroismus, der psychologisch bequem und poe-
tisch günstig ist, verbirgt sich die große Gefahr einer masochistisch-suizidalen
Tautologie.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher