Web-Books
im Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Lehrbücher
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Seite - 225 -
  • Benutzer
  • Version
    • Vollversion
    • Textversion
  • Sprache
    • Deutsch
    • English - Englisch

Seite - 225 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten

Bild der Seite - 225 -

Bild der Seite - 225 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten

Text der Seite - 225 -

Der Fluch des Viktimismus    225 Палка прагнуў далёкай вандроўкі – і знайшоў пуцяводную ніць. А чароўнасьці мыльнай вяроўкі не разьбіць, не стрымаць, не спыніць!.. […] (Chadanovič 2001, 31) [Von Kindheit an hatte er Angst vor Leichenhäusern Und eilte nicht unter die rohe Erde, aber das erkältete Fatum schnüffelte – und zog die Schlinge um den Hals zu! Es kitzelten reizvolle Träume, es verführten die Seele Phantome: In suizidal-spielerischer Stimmung Ist es schwer, die Grenze nicht zu überschreiten. Es drängten sich unsittliche Gedanken. Bagatellen retteten das Leben. An der leicht unrasierten Kehle Erstarrte der kaukasische Tanz der Klinge. Mit Eifer wartete er auf eine Reise in die Ferne Und fand den wegweisenden Faden. Und die Zaubereien des seifigen Stricks Sind nicht zu zerschlagen, nicht aufzuhalten, nicht zu stoppen!..] Der lyrische Held steht an der Schwelle des Selbstmordes, er spielt (literarisch) mit den (ebenfalls literarischen) Todesgedanken und testet diverse suizidale Sujetlösungen. Chadanovič integriert in seine Version des Galgenparadigmas die Anspielungen auf das andere – neben dem Galgen – autoritative Emblem der belarussischen Opposition: das Wappen des Großfürstentums Litauen. Die soge- nannte Pahonja [Der Ritt], literarisch kanonisiert im gleichnamigen patriotischen Gedicht (1916) von Maksim Bahdanovič (1891–1917), gilt heute unter den Oppo- sitionellen als die inoffizielle Hymne von Belarus: „Стародауняй Літоускай Пагоні / Ні разбіць, ні спыніць, ні стрымаць [sic]“ (Bahdanovič 1919) [Der alte Litauische Ritt / Ist nicht zu zerschlagen, nicht aufzuhalten, nicht zu stoppen]. Das parodistisch anmutende Zitieren und die den Text durchdringende Ironie akzentuieren die Schlüsselaussage des Gedichts: Der heroische Tod ist heute nicht mehr angebracht, er ist anachronistisch und lächerlich. Hinter der künst- lerischen Ausbeutung des Opferheroismus, der psychologisch bequem und poe- tisch günstig ist, verbirgt sich die große Gefahr einer masochistisch-suizidalen Tautologie.
zurück zum  Buch Opfernarrative in transnationalen Kontexten"
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
Web-Books
Bibliothek
Datenschutz
Impressum
Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Opfernarrative in transnationalen Kontexten