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Der Fluch des Viktimismus
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Was für Shakespeare Theater war,
wurde heute zu einer Seifenoper!]
Das ist nicht nur eine Parade von Hinrichtungen, von der Guillotine bis zur
Verbrennung auf dem Scheiterhaufen, sondern auch eine (Rück-)Schau der
damit verbundenen chronotopischen Modelle des Heroismus und Viktimis-
mus.23 In seinem parodistisch todernsten Text konfrontiert das lyrische Subjekt
Chadanovičs, der jede Art von Selbstviktimisierung zu ironisieren vermag, den
Selbstmord mit dem Heldentod für große Ideen, für die Freiheit, für das Vater-
land. Zur Zielscheibe seiner karnevalesken Kritik werden die Modi ideologisch
vorbelasteter Ästhetisierungen des Heroismus.
Es ist verständlich, dass Chadanovič, ein Spezialist für die französische Litera-
tur, Beispiele bzw. Phänomene aus der französischen Kulturgeschichte aufgreift,
aber dieser gallophil vorbestimmte Eklektizismus trifft das Ziel: Einst wurden
genau diese Helden von der sowjetischen Erinnerungskultur an die Revolution
und später an den sogenannten Großen Vaterländischen Krieg – das Hauptmne-
motopos des offiziellen Belarus – appropriiert. So wurde das Sujet vom Ende der
Jeanne d’Arc, dieser älteren Zeitgenossin Villons, zum Substrat für die ideologi-
schen Poetisierungen der hingerichteten Komsomolzin Zoja Kosmodem’janskaja
(1923–1941). In seiner Soz-Art-Dekonstruktion verbindet Chadanovič die Namen
von Jean Paul Marat (1743–1793) und Marat Kazej (1929–1944), eines in den sowje-
tischen Diskursen des Kinderheroismus kanonisierten jungen Pionierhelden und
Kindersoldaten. Chadanovič pervertiert die Perspektiven, denn wenn man Kazej
1929 nach Marat ‚taufte‘, so wird nun bei Chadanovič der von den Girondisten
getötete Jakobiner in Rückprojektion mit dem Namen des belarussischen Pionier-
helden versehen. Diese Travestie markiert die prospektiv-retro
spektive Teleologi-
zität sowjetischer Ideologeme, die tief im belarussischen Kulturgedächtnis sitzen.
Die Anspielungen auf die sowjetische Pionierheroik zeigen dabei, dass die
belarussischen viktimistischen Heldendiskurse, seien sie offiziös oder oppositio-
nell, nach verdächtig ähnlichen Modellen verfahren. Die nicht reflektierte rituelle
Trägheit patriotischer Meme ist suizidal, sie werden zu Potemkinschen Dörfern
eines verstaubten viktimistischen Pathos degradiert, Tragödien zu Serienme-
lodramen, zu Seifenopern, deren ‚Eingeseiftheit‘ zur eingeseiften Schlinge des
belarussischen Galgentopos führt. Chadanovičs Assoziationssprünge legen den
Bluff heroisch-viktimistischer Identifikationen offen. Das belarussische Galgen-
Spielen ist zu weit gegangen.
23 Vgl. auch die bizarre Parade von allen möglichen Hinrichtungsmethoden in Chadanovičs
Gedicht Danse macabre (2003a, 138–139).
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher