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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Der Fluch des Viktimismus    227 Was für Shakespeare Theater war, wurde heute zu einer Seifenoper!] Das ist nicht nur eine Parade von Hinrichtungen, von der Guillotine bis zur Verbrennung auf dem Scheiterhaufen, sondern auch eine (Rück-)Schau der damit verbundenen chronotopischen Modelle des Heroismus und Viktimis- mus.23 In seinem parodistisch todernsten Text konfrontiert das lyrische Subjekt Chadanovičs, der jede Art von Selbstviktimisierung zu ironisieren vermag, den Selbstmord mit dem Heldentod für große Ideen, für die Freiheit, für das Vater- land. Zur Zielscheibe seiner karnevalesken Kritik werden die Modi ideologisch vorbelasteter Ästhetisierungen des Heroismus. Es ist verständlich, dass Chadanovič, ein Spezialist für die französische Litera- tur, Beispiele bzw. Phänomene aus der französischen Kulturgeschichte aufgreift, aber dieser gallophil vorbestimmte Eklektizismus trifft das Ziel: Einst wurden genau diese Helden von der sowjetischen Erinnerungskultur an die Revolution und später an den sogenannten Großen Vaterländischen Krieg – das Hauptmne- motopos des offiziellen Belarus – appropriiert. So wurde das Sujet vom Ende der Jeanne d’Arc, dieser älteren Zeitgenossin Villons, zum Substrat für die ideologi- schen Poetisierungen der hingerichteten Komsomolzin Zoja Kosmodem’janskaja (1923–1941). In seiner Soz-Art-Dekonstruktion verbindet Chadanovič die Namen von Jean Paul Marat (1743–1793) und Marat Kazej (1929–1944), eines in den sowje- tischen Diskursen des Kinderheroismus kanonisierten jungen Pionierhelden und Kindersoldaten. Chadanovič pervertiert die Perspektiven, denn wenn man Kazej 1929 nach Marat ‚taufte‘, so wird nun bei Chadanovič der von den Girondisten getötete Jakobiner in Rückprojektion mit dem Namen des belarussischen Pionier- helden versehen. Diese Travestie markiert die prospektiv-retro spektive Teleologi- zität sowjetischer Ideologeme, die tief im belarussischen Kulturgedächtnis sitzen. Die Anspielungen auf die sowjetische Pionierheroik zeigen dabei, dass die belarussischen viktimistischen Heldendiskurse, seien sie offiziös oder oppositio- nell, nach verdächtig ähnlichen Modellen verfahren. Die nicht reflektierte rituelle Trägheit patriotischer Meme ist suizidal, sie werden zu Potemkinschen Dörfern eines verstaubten viktimistischen Pathos degradiert, Tragödien zu Serienme- lodramen, zu Seifenopern, deren ‚Eingeseiftheit‘ zur eingeseiften Schlinge des belarussischen Galgentopos führt. Chadanovičs Assoziationssprünge legen den Bluff heroisch-viktimistischer Identifikationen offen. Das belarussische Galgen- Spielen ist zu weit gegangen. 23  Vgl. auch die bizarre Parade von allen möglichen Hinrichtungsmethoden in Chadanovičs Gedicht Danse macabre (2003a, 138–139).
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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