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Torsten Voß
Opfertäter und Täteropfer als Figurationen
des Dritten? Versuch über ein dialektisches
Narrativ in der Auseinandersetzung mit
totalitären Gesellschaften (Tišma,
Tellkamp,
Antunes)
1 Vorab: Die (narrative) Erweiterung des
Opferdiskurses
Opfer sind zumeist über alle Zweifel erhaben. Sowohl die diskursiv erzeugte als
auch die juristisch fixierte Vorstellung vom Opferstatus geht davon aus, dass
dieser an die Vorstellung von moralischer Überlegenheit geknüpft ist. Im Gegen-
satz zum Narrativ des Verlierers oder des Scheiternden ist das Opfer immer mit
dem Attribut ‚des Guten‘ erfasst. Bereits ein Sammelband von K. Erik Franzen und
Martin Schulze Wessel macht auf die heuristisch immer wieder veranschlagte
Vorüberlegung aufmerksam, dass die echten Opfer zumeist der Vorstellung von
absolut Unschuldigen entsprechen müssen (2012). Das mag gewiss zu einer (oft
gewünschten) Komplexitätsreduktion innerhalb der Vergangenheitsbewälti-
gung, der Interpretation historischer Prozesse und der Sühnepolitik beitragen.
Die von Diversitäten und Diskontinuitäten geprägten Lebenssituationen in tota-
litären Gesellschaften werden damit aber ebenso wenig erfasst, wie – innerhalb
der Literatur – ein überzeugendes und eben diese Komplexität aufgreifendes Nar-
rativ erstellt. Die Täter-Opfer-Dichotomie mag zur Konstruktion einer leicht zu
bewältigenden Realität beitragen und in gesellschaftspolitischer Hinsicht sogar
opportun sein. Literarische Texte vermögen sich jedoch an derlei simplifizie-
rende Perspektiven nicht zu halten. Aufgrund der ihnen inhärenten sprachlichen
Möglichkeiten (Montagestil, polyfones Erzählen, Bildlichkeit, entpragmatisierte
Kommunikation etc.), welche – im Gegensatz zur Alltagssprache oder zum poli-
tischen Diskurs – luzidere Einblicke in das Funktionieren diffuser (und moder-
ner) Gesellschaftssysteme und der von ihnen mit generierten Opfervorstellungen1
1 Zu dieser Bindung des Opfernarrativs an (vormoderne und moderne) staatliche Formen und
deren institutionelle und mediale Praktiken vgl. Wolf 2005. Literarge schichtlich und unter Hin-
zunahme martyrologischer Imagologien wurde das Opfermotiv exemplarisch analysiert durch
Malsch 2007.
Open Access. © 2020 Torsten Voß, publiziert von De Gruyter.
Dieses
Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Attribution 4.0 Lizenz.
https://doi.org/10.1515/9783110693461-011
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher