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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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238    Torsten Voß erlauben, ist es ihnen möglich, die Dualität von Opfern und Täter*innen in tota- litären Gesellschaften zu relativieren und daraus einen eigenen Modus der Dar- stellung höchst disparater Charaktere auf der Plotebene in Form einer Figuration des Dritten2 zu garantieren. Letztere generiert sich nach Albrecht Koschorke „als Größe, die neben den beiden Termen dualistischer Semantiken vom Typ wahr/ falsch, Geist/Materie, Gott/Welt, gut/böse, Kultur/Natur, innen/außen, eigen/ fremd bestehen bleibt“ (2010, 9). Und damit auch neben der binären Differenz von Täter*innen und Opfer! Der vorliegende Beitrag will sich daher mit der literarischen Darstellung von sogenannten „Opfertätern“ und „Täteropfern“ in Romanen auseinan dersetzen, die in einem direkten Bezug zu historischen Umbruchssituationen wie dem Jahr 1989 oder der portugiesischen Nelkenrevolution stehen und die Kultivierung der eben genannten Hybridexistenzen als einen den verschiedenen totalitären Regimen inhärenten Funktionalismus veranschau lichen können. Unter dem genannten Chiasmus sollen also drei Romanfiguren aus drei Diktaturen in ihrer dialektischen Ambivalenz und als Figuration des Dritten, die teilweise als Über- lebensstrategie, Verhaltenslehre3 und aufgezwungene Alternative in einer inhu- manen Gesellschaft erfasst werden kann, genauer beschrieben werden. Anhand des Schicksals des Juden Vilko Lamian im Nationalsozialismus in Aleksandar Tišmas Roman Kapo (1997 [1987]) wird die Auflösung dualer Kategorien ebenso aufgegriffen wie der Schuld- und Sühnekomplex, welcher aus der chiastisch sich zusammen setzenden (Titel-)Figur Lamians (und ihrer Suche nach seinem ehe- maligen weiblichen Opfer Helena Lifka) eine neue Facette erhält. Als Vergleich (nicht nur auf der Ebene der Erzählung, sondern auch mit Blick auf die von ihr beschriebenen Diktaturen) wird Uwe Tellkamps viel diskutierter Roman Der Turm (2008) eher knapp und sekundierend-ergänzend bemüht, welcher nicht nur ein mehrstimmiges Panorama der späten DDR-Gesellschaft und ihrer Institutionen, sondern auch die Situation des Arztes Richard Hoffmann zwischen opportu- nistischer Verstrickung und dem Erhalt seiner bürgerlichen Lebenskultur als ein beinahe konstitutives Bedingungsverhältnis entwirft. In Tellkamps Roman stabilisiert sich die Diktatur über die kalkulierte Zustimmung gegenüber der Lebenswelt des genau dadurch in das System implizit integrierten Passiv-Zeugen 2  Eine interdisziplinäre Auseinandersetzung mit diesem komplexen kulturwissen schaftlichen Paradigma (und Narrativ) und seiner Eignung zwecks Kategorisierung ästhetischer, politischer, sozialer und literarisch-figurativer Phänomene findet sich in Eßlinger et al. 2010. 3  Kanonisch geworden ist inzwischen die Auseinandersetzung mit Verhaltensweisen der Kälte und Distanz im Nationalsozialismus und deren literarhistorische Kontextualisierung durch Lethen 1994. Darauf baut inzwischen die halb essayistisch und halb literarisch angelegte Unter- suchung zu den preußischen Staatsräten im Dritten Reich (Lethen 2018) auf.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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