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240 Torsten Voß
die Schrift herein, was dort eigentlich keinen Ort haben kann, gerade deshalb aber einen
haben muß, denn anders bliebe die Literatur eine existentielle Leerstelle. (Grimminger
2000, 7)
Ausgefüllt wird eine solche Leerstelle in den gewählten Beispielen über alterna-
tive Beschreibungsverfahren von Gewalt und Totalität.
2 Die (mythologische) Figur des Dritten und die
totalitären Gesellschaften
Die Figur des Dritten könnte sich dem von Rolf Grimminger skizzierten so evi-
denten, aber nicht vollständig fassbaren, Primären in visualisierender Tendenz
zuwenden. Sie füllt diese Leerstelle aus, die sich der Darstellbarkeit in dualen
Sozial- und Ordnungsmodellen verweigert. Daher orientiert sich bisweilen eine
Sozialanthropologie der Gewalt, unter anderem vertreten durch die Arbeiten von
Wolfgang Sofsky, auch eher an phänomenologischen Ansätzen, um zum Beispiel
dem sogenannten Kapo im Konzentrationslager als komplexem Ordnungsele-
ment, welches gerade in seinem tertiären Grenzbereich den totalitären Terror
zu garantieren vermag, gerecht werden zu können (vgl. Sofsky 1997).4 Nach
Koschorke entstehen solche „‚Effekte des Dritten‘ immer dann, wenn intellektu-
elle Oppositionen nicht mehr bloß zwischen den beiden Seiten einer Entschei-
dung oszillieren, sondern die Unterscheidung als solche zum Gegenstand und
Problem wird“ (2010, 11). So kommt „ein Drittes hinzu, das keine eigene Position
innehat, aber die Positionen auf beiden Seiten der Unterscheidung ins Verhältnis
setzt, indem sie sie zugleich verbindet und trennt“ (Koschorke 2010, 11).5 Oder
anders ausgedrückt: Angelehnt an Johann Wolfgang Goethes vermeintlichem
Nonsens-Gedicht zum Hexeneinmaleins, gesprochen in der Hexenküche-Szene
im ersten Teil der Faust-Tragödie, kann auch die Drei dazu dienen, die Funktions-
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Sofsky konzentriert seine Aufmerksamkeit völlig auf die Wirkungen, welche Kapos bei den zu
unterdrückenden Häftlingen, aber auch der eigentlichen Wachmannschaft auslösen, um ihre
Funktion innerhalb der Lagergesellschaft und auch ihr eigenes Selbstverständnis zu erfassen
und verknüpft dabei phänomenologische Betrachtungen von Gewalt mit strukturalistischen und
sozialpsychologischen Komponenten.
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Aus dieser Konstellation ergeben sich für Figuren aus den Romanen Kapo oder Tellkamps Der
Turm die eigentlichen Probleme hinsichtlich einer eindeutigen Fokussierung ihres Selbst bzw.
ihrer Identität.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher