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OpfertĂ€ter und TĂ€teropfer als Figurationen des Dritten?â â
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bildgewaltigem Epos wird der ehemalige GroĂgrund besitzer und Patriarch Fran-
cisco als TĂ€teropfer eher zum weinenden Dritten, so dass sich insgesamt auch
die Frage ergibt: Sind diese Figuren des Dritten ganz klar auch Bestandteile des
totalitÀren Systems und wie werden sie in den Texten szenisch, figurativ und nar-
rativ umgesetzt?
Die Figur des Dritten ist wegen ihres âAuĂerhalb-der Dyade-Seinsâ eher ein
epistemisches Mittel zum Zweck als ein IdentitÀtskonzept und daraus ergeben
sich fĂŒr die literarischen Figuren jenseits der DualitĂ€t schwerwie
gende Probleme
im Bereich dessen, was man Selbstfindung nennt. Auf diese Problematik verweist,
gerade mit Blick auf literarische Texte, zu Recht auch Bedorf, wenn er schreibt:
Aber mit dem Erscheinen eines expliziten Dritten lÀsst sich verdeutlichen, was Vergesell-
schaftung ausmacht. Mit ihm wird [âŠ] Gesellschaft möglich. [âŠ] Der Dritte ist demnach
Stabilisator und Destabilisator der sozialen Beziehungen zugleich. Er stabilisiert, weil die
Interdependenzen sich erst mit seiner Gegenwart zu einer Gruppe ausformen können, die
den Austritt einzelner Individuen ĂŒberlebt. Doch destabilisiert er zugleich, weil die BezĂŒge
vorlÀufig und fragil bleiben. (Bedorf 2010, 129)
Gerade bei den OpfertÀtern in den zu Grunde liegenden Romantexten ist das der
Fall. Aleksandar TiĆĄmas Titelfigur kennt die Opfer und die TĂ€ter*innen des Lager-
systems. Er stammt zunÀchst aus dem Kreis der Ersteren, dient jedoch den Letzte-
ren und hÀlt durch sein Wirken in beiden Parteien gerade als kippende Figur des
Dritten oder als Scharnier diese Dichotomie aufrecht.7 Diese strukturale Funk-
tion wird in ĂŒbergeordneter Perspektive bereits von Claude LĂ©vi-Strauss in der
Strukturalen Anthropologie (1958) prĂ€zise beschrieben. FĂŒr ihn ist der Dritte und
speziell âder Trickster ein Vermittler, und diese Funktion erklĂ€rt, daĂ er etwas
von der DualitĂ€t zurĂŒckbehĂ€lt, die zu ĂŒberwinden seine Funktion ist. Daher sein
zwiespĂ€ltiger und doppeldeutiger Charakter [âŠ] bald wohlgesinnt, bald bösartig,
je nachdemâ (LĂ©vi-Strauss 1967, 249â250). Die Darstellung des Kapos in TiĆĄmas
gleichnamigem Roman wird verdeutlichen, dass genau diese von Lévi-Strauss
genannten strukturellen Entfaltungen und das Hin- und Herschweifen zwischen
ihnen fĂŒr die problematische Situation der Figur signifikant sind, die sich auch
fĂŒr die Geistes- und Sozialwissenschaften als ein kategoriales Problem erweisen.
Denn âder spezifische Charakter [âŠ] â seine Doppelnatur, die zugleich umkehr-
bar und nicht umkehrbar, synchronisch und diachronisch ist â, bleibt also unge-
klĂ€rtâ (LĂ©vi-Strauss 1967, 232). Jedenfalls, wenn in dualen Schemata, wie der
7â Auch der Sozialpsychologie Harald Welzer kommt in seiner TĂ€tertypologie auf dieses PhĂ€no-
men zu sprechen, wenn er die strukturellen Voraussetzungen fĂŒr die TĂ€ter-Genese breit analy-
siert (2005).
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana MiloĆĄeviÄ
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
- Kategorie
- LehrbĂŒcher