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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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OpfertĂ€ter und TĂ€teropfer als Figurationen des Dritten?    243 bildgewaltigem Epos wird der ehemalige Großgrund besitzer und Patriarch Fran- cisco als TĂ€teropfer eher zum weinenden Dritten, so dass sich insgesamt auch die Frage ergibt: Sind diese Figuren des Dritten ganz klar auch Bestandteile des totalitĂ€ren Systems und wie werden sie in den Texten szenisch, figurativ und nar- rativ umgesetzt? Die Figur des Dritten ist wegen ihres ‚Außerhalb-der Dyade-Seins‘ eher ein epistemisches Mittel zum Zweck als ein IdentitĂ€tskonzept und daraus ergeben sich fĂŒr die literarischen Figuren jenseits der DualitĂ€t schwerwie gende Probleme im Bereich dessen, was man Selbstfindung nennt. Auf diese Problematik verweist, gerade mit Blick auf literarische Texte, zu Recht auch Bedorf, wenn er schreibt: Aber mit dem Erscheinen eines expliziten Dritten lĂ€sst sich verdeutlichen, was Vergesell- schaftung ausmacht. Mit ihm wird [
] Gesellschaft möglich. [
] Der Dritte ist demnach Stabilisator und Destabilisator der sozialen Beziehungen zugleich. Er stabilisiert, weil die Interdependenzen sich erst mit seiner Gegenwart zu einer Gruppe ausformen können, die den Austritt einzelner Individuen ĂŒberlebt. Doch destabilisiert er zugleich, weil die BezĂŒge vorlĂ€ufig und fragil bleiben. (Bedorf 2010, 129) Gerade bei den OpfertĂ€tern in den zu Grunde liegenden Romantexten ist das der Fall. Aleksandar TiĆĄmas Titelfigur kennt die Opfer und die TĂ€ter*innen des Lager- systems. Er stammt zunĂ€chst aus dem Kreis der Ersteren, dient jedoch den Letzte- ren und hĂ€lt durch sein Wirken in beiden Parteien gerade als kippende Figur des Dritten oder als Scharnier diese Dichotomie aufrecht.7 Diese strukturale Funk- tion wird in ĂŒbergeordneter Perspektive bereits von Claude LĂ©vi-Strauss in der Strukturalen Anthropologie (1958) prĂ€zise beschrieben. FĂŒr ihn ist der Dritte und speziell „der Trickster ein Vermittler, und diese Funktion erklĂ€rt, daß er etwas von der DualitĂ€t zurĂŒckbehĂ€lt, die zu ĂŒberwinden seine Funktion ist. Daher sein zwiespĂ€ltiger und doppeldeutiger Charakter [
] bald wohlgesinnt, bald bösartig, je nachdem“ (LĂ©vi-Strauss 1967, 249–250). Die Darstellung des Kapos in TiĆĄmas gleichnamigem Roman wird verdeutlichen, dass genau diese von LĂ©vi-Strauss genannten strukturellen Entfaltungen und das Hin- und Herschweifen zwischen ihnen fĂŒr die problematische Situation der Figur signifikant sind, die sich auch fĂŒr die Geistes- und Sozialwissenschaften als ein kategoriales Problem erweisen. Denn „der spezifische Charakter [
] – seine Doppelnatur, die zugleich umkehr- bar und nicht umkehrbar, synchronisch und diachronisch ist –, bleibt also unge- klĂ€rt“ (LĂ©vi-Strauss 1967, 232). Jedenfalls, wenn in dualen Schemata, wie der 7  Auch der Sozialpsychologie Harald Welzer kommt in seiner TĂ€tertypologie auf dieses PhĂ€no- men zu sprechen, wenn er die strukturellen Voraussetzungen fĂŒr die TĂ€ter-Genese breit analy- siert (2005).
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Miloơević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
Kategorie
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