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244 Torsten Voß
Täter-Opfer-Dichotomie argumentiert wird. Der Komplexität der Doppelnatur, die
eben auf ein Drittes hinausläuft, muss mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden.
Dass unter einer solchen Tertiarität vor allem die Gruppe der Häftlinge zu leiden
hat, ist wiederum Bestandteil der Lagerordnung und der Organisationsformen
der totalitären Gesellschaft, die in den zur Diskussion stehenden Romanange-
boten eine alternative Veranschaulichung erfährt. Diese Dritten wären nach
Lévi-Strauss „Beziehungsbündel, und daß jene nur in Form von Kombinatio-
nen solcher Bündel eine Bedeutungsfunktion erlangen“ (1967, 232), wäre die
sich daraus ergebende Konsequenz. Sie bilden sich nicht aus sich selbst heraus,
sondern aus den Beziehungen zu anderen Gruppen bzw. aus dem Interagieren
mit ihnen. Damit regulieren sich die Dritten eher über Performativität oder nach
Simmel über „Geschehen“ (1995, 70) als über einen festen Zustand. Nach Bernd
Kießling sind sie daher über „Produzieren und fortwährendes Reproduzieren“
(1997, 65) zu begreifen.
Trotz oder gerade wegen seiner fragilen Bezüge zu beiden Aktanten, bleiben
diese konstant. Seine Funktion, aus der einen Sphäre zu stammen, aber der
anderen Sphäre zu Dienste zu sein, relativiert beide Gruppen keineswegs, sondern
macht die Funktionsweisen dieser Ordnung erst manifest und auch sichtbar. Der
Dritte kann beide Positionen einnehmen. Und was nach Bedorf noch entschei-
dender ist: Erst „der Dritte ist jene Instanz, über die erläutert werden kann, wie
und warum Normen zur Geltung kommen“ (Bedorf 2010, 135). Das erschwert ihm
den Modus der Entscheidung, des Bezugs und der Selbstfindung, denn er ist
nicht einfach eine dialektische und abgeschlossene Symbiose zweier Kategorien,
sondern nach Kießling ein sich in einer permanenten Prozessualität befindender
Grenzgänger.
Über die Mythologie der Yoruba und ihrer Till-Eulenspiegel-Variante Eshu-
Elegba drückt es Erhard Schüttpelz folgendermaßen aus: „Eshu bewohnt den
Marktplatz, die Kreuzung und die Türschwellen. Eshu ist der Vermittler zwischen
Menschen und Göttern, Ursache ihres Streits […] – und weil er beiden Seiten
gerecht werden muss, wird er zum göttlichen Polizisten mit Knüppel“ (2010, 210).
Schüttpelz benennt an dieser Stelle Heterotopien und liminale Orte. Sie markieren
den Grenzzustand, in welchem sich Eshu stets befindet und wie er dadurch auch
von beiden Seiten wahrgenommen wird. Neben der Konzeption des Tricksters
wäre – zumindest hinsichtlich des Selbstverständnisses von Tišmas Titelhelden
und der zeitweiligen Wirkung auf seine Umgebung im Lager – auch der Verräter
bzw. der Kollaborateur zu nennen, welcher in theoretischer Betrachtung ebenso
zu den Figurationen des Dritten zu rechnen wäre, in Eßlingers Sammelband aber
ausgeklammert bleibt, jedoch in Sofskys Soziologie des Konzentrationslagers eine
bedeutende Rolle einnimmt. Geradezu plastisch schreibt er über ihn:
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher