Web-Books
im Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Lehrbücher
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Seite - 246 -
  • Benutzer
  • Version
    • Vollversion
    • Textversion
  • Sprache
    • Deutsch
    • English - Englisch

Seite - 246 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten

Bild der Seite - 246 -

Bild der Seite - 246 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten

Text der Seite - 246 -

246    Torsten Voß eine Notwendigkeit der Existenzsicherung. Doppelte Unzugehörigkeit bestätigt aber auch das duale Machtgefüge, welches sich ebenfalls über die tertiär Schwei- fenden erst realisieren kann. 3 Opfertäter: Der Kapo als eine (literarische) Figuration des Dritten Anhand des Protagonisten Lamian, der im Lager als Kapo Furfa sich den Unter- drückern andient, vollzieht sich das figurative Konzept geradezu erschütternd und eindringlich. Dem aus einer jüdischen Familie stammenden, aber katholisch getauften Vilko Lamian ist ein Überleben im Ustasha-Staat nur möglich, indem er mit der falschen Identität eines kommunistischen Häftlings im Lager inhaftiert wird. Dadurch kann er erst die Rolle des verhassten Kapos übernehmen und die Grenzen zwischen Täter- und Opfersphäre überschreiten. Doch dadurch ist dieser – so paradox das auch anmuten mag – doppelt exkludiert und inkludiert, oder wie es Lévi-Strauss verklausulieren würde: „Die Unmöglichkeit, Beziehungsgruppen miteinander in Verbindung zu bringen, ist überwunden (oder, genauer gesagt, ersetzt) durch die Bestätigung, daß zwei einander widersprechende Beziehun- gen identisch sind, soweit sie beide in sich widersprüchlich sind“ (1967, 237–238). Diese Verbindung sicherte anfangs Lamians Überleben, bringt ihn aber in seiner Selbstfindung keineswegs weiter und zeichnet sich schlussendlich dadurch aus, dass Vilkos tertiäre Opfertäter-Denomination auch über den Krieg und das Lager- system hinaus erhalten bleibt,8 vor allem auch in der eigenen Selbstwahrneh- mung. Aus diesem Grund und um sich seinem bohrenden Gewissen zu stellen, begibt sich Vilko in der späteren und zugleich extradiegetischen Handlung des Romans auf die Suche nach seinem ehemaligen Opfer Helena Lifka. Die Opfer- suche ist damit synchron auch Selbstsuche nach einer durch die Tertiarität ver- wischten Identität, die durch Vergebung und Bereuen wieder eine authentische Dimension erreichen könnte, worin auch Vilkos Sehnsucht begründet liegt. Hinzu kommt bei Lamian nämlich noch der Tatbestand, dass seine aus der Doppelbesetzung des Täters und des Opfers geborene Figuration des Dritten nicht gewählt wurde, sondern als perfider Mechanismus totalitärer Institutionen mehr oder weniger in ihn implantiert wurde. Die Ordnung des Terrors gestaltet sich auch in dieser tertiären Konstruktion in besonderem Maße aus. Lévi-Strauss 8  Über die Thematisierung der Shoa im Werk des serbischen Schriftstellers informiert auch in vergleichender Betrachtung Vrdoljak 2013.
zurück zum  Buch Opfernarrative in transnationalen Kontexten"
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
Web-Books
Bibliothek
Datenschutz
Impressum
Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Opfernarrative in transnationalen Kontexten