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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Opfertäter und Täteropfer als Figurationen des Dritten?    247 schreibt in seiner Strukturalen Anthropologie: „Nehmen wir also an, zwei Ausdrü- cke, zwischen denen der Übergang unmöglich scheint [das wären in diesem Fall Täter und Opfer] würden zunächst durch zwei äquivalente Ausdrücke ersetzt, die einen weiteren als Zwischenstation zulassen“ (1967, 247). Der Opfertäter und das Täteropfer lassen eine Zwischenstation als Figur des Dritten zu, was sich für Lamian als ausgesprochen problematisch erweist und als eine Station, aus der es im Nachhinein auszubrechen gilt. Seine energische Opfersuche nach Helena Lifka nach dem Krieg ist einer dieser aus der belasten- den Dreiheit ausbrechenden Fluchtversuche. Seine tertiäre Position ist auch nicht von dem Selbstbewusstsein des nach Lust und Laune hin und her switchenden Tricksters geprägt, wie ihn Schüttpelz mit Blick auf die mythologischen Figuren der Yoruba oder gar eines Till Eulenspiegel rekonstruiert hat. Vilko Lamian gehört aufgrund seiner jüdischen Herkunft und der bewussten Tarnung unter einer kroa- tischen Identität zu den marginalen Figuren, bei denen sich die Wahl für die kom- plexe Ausweichmöglichkeit des Dritten, oder ganz konkret des Opfertäters aus der Zwangssituation der mangelnden Evolutionsoptionen ergibt. Nach Schütt- pelz entwickeln marginale Gruppen „mächtige Figurationen und Sprechweisen der wechselseitig fremden Fremderfahrung, weil sie gezwungen sind, von beiden Seiten einer Grenze zu denken, die Grenze in eine Schwelle zu verwandeln, die für beide – und außenstehende – Seiten der Marginalisierung stimmig bleibt“ (2010, 222–223). Was für den Dritten, also den Opfertäter als Schwelle funktio- niert, erweist sich für die Täter*innen und Opfer des Lagersystems als Grenze. Lamians Durchlässigkeit manifestiert für beide Seiten die duale Struktur und konkretisiert eben diese bzw. hält sie in teilweise furchtbarer Gewalt aufrecht. Die exkludierte Positionierung wird aber von Lamian selbst als Krisenmoment erfahren. Die vom auktorialen Erzähler möglich gemachten internen Fokalisie- rungen geben Einblicke in die tertiäre Schwellenexistenz des Protagonisten. Sie erfassen die Komplexität einer Erfahrungsrealität, die außerhalb binärer Dicho- tomien angelegt ist und die Kultivierung einer Hybridexistenz bedingt, die jedoch nicht in sich dialektisch bzw. synthetisch versöhnt ist. Was für Lamian ein Problem der Identitätsfindung ist, wird von Albrecht Koschorke auf epistemologischer Ebene verhandelt. Eine literarische Figur wie Lamian bildet „ein Drittes, das binäre Codierungen allererst möglich macht, während es selbst als konstituierender Mechanismus gewöhnlich im Verborge- nen bleibt“ (Koschorke 2010, 11). Lediglich Katalysator und Garantie binär struk- turierter Mechanismen der Unterdrückung zu sein, wird für den Kapo nicht nur zu einer Schuld-, sondern auch zu einer Existenzfrage. Denn die Drei ergibt sich hier nicht aus eins und zwei, sondern auch aus eins und eins. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg wird in Selbstbetrachtungen immer wieder gefragt,
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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