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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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248    Torsten Voß wer eigentlich dieser Vilko Lamian war, den sie als schweigsamen und zurückgezogenen Bewohner ihrer Straße kannten, als eifrigen Katasterbeamten, als einsamen Passanten und sonn- und feiertäglichen Wanderer auf den Bergen um die Stadt, in Wirklichkeit jedoch eine Bestie, ein Monstrum, ein Folterknecht, ein Hitler-Kapo, ein Erzfeind, ein Erzverräter, bislang verborgen in seiner Höhle unter der Maske des braven Bürgers, der sich ja in nichts einmischte. (Tišma 1997, 18) Der in Vilko Lamians Selbstwahrnehmung konstruierte Zustand der Monstrosi- tät ist ein doppelter. Er ergibt sich nicht nur aus den inhumanen Taten und der Kollaboration, sondern auch aus dem hybriden Charakter der tertiären Figura- tion. Vilko empfindet sich gemäß Julia Kristevas Kategorien aus den Pouvoirs de l’horreur als Abject (Kristeva 1982), gerade auch in seinen Versuchen, das ehe- malige Opfer Helena Lifka wiederzufinden. Als er ihrer im gealterten Zustand gewahr wird, empfand er auch das, was er selbst zwischen den Beinen hatte, als alt und kraftlos, und die Suche nach ihr, dieses Lauern aus dem gegenüberliegenden Haustor, erschien ihm anstö- ßig, als ginge es darum, sich wieder mit ihr zu vereinigen, so alt sie beide auch waren. Und vor dieser Vereinigung graute ihm, das Grauen veranlaßte ihn, Helena Lifka zu verdrängen, wegzuschieben, dasselbe Grauen, dieser innere Aufschrei des Verdrängens, war seine erste instinktive Antwort gewesen, als er im Lastwagen nach Banja Luka wieder auf ihre Spur, ihr Zeichen stieß: in einer Zeitung, die unter der leeren Bank vor seiner lag, also niemandem mehr gehörte. (Tišma 1997, 9) Im Spiegelstadium des gealterten Gegenübers sieht Lamian sein eigenes Alter und sein Leben als Nicht-Identität, reflektiert, erkannt und bestätigt. Die teil- weise sexualisierte Ekphrasis Helenas ist die Bestandsaufnahme und damit Ver- gegenwärtigung und Wiederfindung seiner selbst, wenn auch ex negativo. Das erschwert auch die anvisierte Vereinigung, die als utopischer Fluchtpunkt aus dem tertiären Status des Opfertäters apostrophiert wird. Denn „er wollte nicht die Ausnahme sein, das einzige Exemplar einer Spezies, die sonst nicht mehr exis- tierte, ein Unmensch“ (Tišma 1997, 41). Darauf gründet sich auch schon unmit- telbar während der Flucht vor der Roten Armee der Wunsch, dass auch sein Vor- gesetzter, der korrupte SS-Offizier Riegler, überlebt haben möge. Ohne sich der Tätersphäre zugehörig fühlen zu können, hätte die Anwesenheit des vorgesetzten Kommandanten die statusbedingte Isolation kompensieren und vielleicht auch implizit das eigene unmenschliche Handeln erklären können. Ergo: „Zu zweit mit Riegler war er das nicht. Er konnte bezeugen, daß Riegler – anders als er selbst – kein Unmensch, kein Satan war, sondern ein ganz gewöhnlicher Durchschnitts- mensch mit einer einzigen Leidenschaft: der Goldgier, und solche Leidenschaf- ten, ja noch abartigere konnte man bei jedem vermuten, ohne daß er sich vom Menschengeschlecht unterschied“ (Tišma 1997, 41). Der SS-Kommandant hat hier
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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