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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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250    Torsten Voß 4 Die Passivität des Täteropfers und die Unhintergehbarkeit von Körper und Zeit António Lobo Antunes’ Roman ist ein zugleich melancholischer und zynischer Abgesang auf eine Epoche, die in ihrem Untergang noch einmal ihr ganzes Poten- zial an Korruption, Amoralität, Erotik und verstörender Faszination zu entfalten vermag.10 Im Mittelpunkt steht der Großgrundbesitzer und Minister Francisco, der mit dem Tod von Salazar und seiner aus Gründen des Pragmatismus erfolg- ten Brüskierung bei der neuen Regierungsbildung unter Marcello Caetano und schlussendlich der 1974 erfolgenden Nelkenrevolution (Prutsch 2012) seine Macht schwinden sieht und zunehmend zum Täteropfer wird. Er verkommt zum nutzlosen Greis, der seinen einstigen Einfluss nur noch in der retrospektiven Ima- gination ausleben kann. So entlässt er sein Dienstpersonal, weil er sie allesamt für linke Revolutionäre hält, durchstöbert im Schweinestall die Fresströge, weil er in ihnen Kommunisten vermutet und beschimpft Raben und seine ausgemergel- ten Schäferhunde, die ebenfalls ein Zeugnis von entschwundener Größe ablegen, wiederum als Landesverräter. Gleichzeitig veranstaltet er konspirative Treffen mit ebenso zur Bedeutungslosigkeit verdammten einstigen Funktionären der Macht, um die Diktatur zu restabilisieren, das Militär zu reformieren und den Fortschritt, der sich in Antunes’ Roman vor allem in Gestalt des rein utilitaristischen Finanz- kapitalismus ausdrückt, aufzuhalten. Doch schon seine zuvor gescheiterte Ehe und die ausbleibende Kommunikation mit dem einzigen Sohn Joaozinho doku- mentieren auf unbarmherzige Weise, dass die Vorhaben des Padrone totgebo- ren sind. Zeugnis davon legen auch die Aussagen der Familienangehörigen, der Hausangestellten, der Gegner und der Verbündeten Franciscos ab, die Antunes dokumentarisch und dennoch in ihrer ganzen Subjektivität polyphon wiedergibt. Vielleicht liegt hier auch der Grund für die Titelwahl verborgen. Der Autor wird, wie bei den Verhören durch die mittelalterliche Inquisition,11 zum minutiösen Protokollant unterschiedlichster Aussagen. Er registriert Ansich- ten, Gefühle, Stimmungen und eröffnet damit einen Kosmos menschlicher Grund- befindlichkeiten im Kontext historischer Umbrüche und der Entwicklung eines Menschen vom Täter zum Opfer. Nirgendwo schlägt sich das so deutlich nieder wie im Wandel des Herrn Doktor; des Ministers, der einst, sozusagen als ‚Bock von Palmela‘, die weiblichen Hausangestellten auf Öfen und Hausaltären penet- 10  Über seine eigene Entwicklung informiert der Autor in Blanco 2003. 11  Vielleicht verbirgt sich dahinter eine intertextuelle Anspielung auf das Manuel de l’Inquisiteur des französischen Dominikaners Bernard Gui im vierzehnten Jahrhundert, der vor allem durch Umberto Ecos Der Name der Rose (1983) bekannt wurde.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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