Web-Books
im Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Lehrbücher
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Seite - 252 -
  • Benutzer
  • Version
    • Vollversion
    • Textversion
  • Sprache
    • Deutsch
    • English - Englisch

Seite - 252 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten

Bild der Seite - 252 -

Bild der Seite - 252 - in Opfernarrative in transnationalen Kontexten

Text der Seite - 252 -

252    Torsten Voß von Antunes verborgen.12 Seine Degeneration in den Mikrokosmen von Familie und Landgut sind die interne Kondensierung des Umbruchs, oder vielleicht auch ein Hinweis auf die Aussage, dass politische und sexuelle Macht keine Garantie für die Bewahrung des Soziotops sein müssen, dass dem Aktivismus des präpo- tenten Täters die Passivität des impotenten Opfers folgt. Somit inszeniert sich Franciscos Selbstbewusstsein vor dem Panorama seiner, den Leser*innen bereits bekannten, Degradierung durch Marcello Caetano und besonders dem Scheitern seiner Ehe mit Isabel, welches durch die Augen der treuen und wissenden Haushälterin Dona Titina eine eindringliche Deskription erhält. Nachdem Isabel ihren geschäftigen Gatten wiederholt betrogen13 und sich seinen, geradezu nach Zärtlichkeit dürstenden Annäherungsversuchen, die auch Franciscos verborgene Verletzbarkeit und Sensibilität illustrieren, verweigert hat, schließt sie sich, während eines heftigen Gewitters, im Gästezimmer ein und lässt einen verwirrten, verzweifelten und einsamen Gatten quasi allein in einem apo- kalyptischen Szenario zurück, welches als symbolische Prophetie seines eigenen Zusammenbruchs zu interpretieren ist und von Titina folgendermaßen erfasst wird: Es gab geflügelte Götter und Zweige in den Fensterrahmen, die gnädige Frau schloß sich beim ersten Blitz wortlos im Gästezimmer ein, der so nah bei uns einschlug, daß er die 12  Vgl. dazu den von Titina beobachteten snobistischen Umgang Franciscos mit Salazars Nach- folger Caetano, welcher den Ex-Minister am liebsten in den Ruhestand verabschieden möchte: „[…] Professor Caetano […] der das Landgut ein- oder zweimal besucht hatte, […] er wurde nicht etwa im Salon mit dem Piano empfangen, auf dem das Foto der Königin der Unterhaltung zu- gehört hätte, sondern im Zimmer daneben, das kleiner war und kaum möbliert und in dem er dem Hausmeister, dem Traktorfahrer und nach der Messe dem Pfarrer Anweisungen gab […] der Herr Doktor saß in einem Armstuhl und wies Professor Caetano einen Stuhl ohne Armlehnen zu, und wenn ich am Türknauf drehte und mit der Teekanne und den Tassen und dem Teller mit dem gebutterten Toast auf dem Tablett erschien, dann scheuchte er mich mit dem Handrücken weg, bevor Caetano noch den Mund aufmachen konnte – Dieser Herr Präsident des Ministerrates trinkt keinen Tee Titina […] – Das nächste Mal wenn dieser Esel hier auftaucht hetz ihm die Schä- ferhunde an die Haxen“ (Antunes 1997, 179). Hier prallen alte und neue Zeit aufeinander und Letztere lässt die Erstere zum Opfer werden, indem sie diese bedeutungslos werden lässt, was am dysfunktional gewordenen Minister, Großgrundbesitzer und Liebhaber personalallegorisch und mehrdimensional veranschaulicht wird. 13  Der Nebenbuhler entpuppt sich übrigens später als der schwerreiche Onkel von Joaozinhos Ehefrau Sofia, der nach der Scheidung seiner Nichte und der Einweisung des greisenhaften Francisco in ein Pflegeheim, das Landgut übernimmt und aus ihm eine Feriensiedlung für Neu- reiche macht. Man erkennt auch innerhalb der Familienstrukturen und der Täter-Opfer-Figuren die Komplexität und fast schon rhizomatische Verwobenheit des syndikalistisch-korporativen Staates unter Salazar, der innerhalb des Clans seine kondensierte Visualisierung in einer Art Mikrokosmos oder auch allegorischem Welttheater erlebt.
zurück zum  Buch Opfernarrative in transnationalen Kontexten"
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
Web-Books
Bibliothek
Datenschutz
Impressum
Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Opfernarrative in transnationalen Kontexten