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Opfertäter und Täteropfer als Figurationen des Dritten?
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ist meistens alles andere als ein befriedigender Schutzraum. Die scheinbar frei
gewählten Überlebensstrategien der Opfertäter Richard Hoffmann und Vilko
Lamian sind charakteristische Mechanismen totalitärer Gesellschaften, wobei
eine Differenz zwischen dem reinen Existieren bei Vilko und der Sicherung eines
gehobenen Lebensstandards bei Richard ebenso zu bemerken ist, wie zwischen
dem Bystander-Akt der Denunziation gegenüber dem Freund Manfred Weniger
und der unmittelbar praktizierten Unterdrückung und Gewalt im Konzentrations-
lager. Der ach so gewitzte Trickster ist insgesamt gesehen nicht nur ein Freiheits-,
sondern auch ein Zwangsmodell, welches das Funktionieren dieser Ordnungen
beschreibt, ihnen selbst eingeschrieben ist und sie auch aufrechterhält.
Diktaturen funktionieren nämlich mitunter auch in ihren Grauzonen! Terti-
äre Konstrukte wie der Kapo sind – angelehnt an die strukturale Anthropologie
Lévi-Strauss’ und Turners – mythologische Figuren/Tropen, die, wie auch die
Literatur selbst, der Beschreibung komplexer (oder auch existentieller) Wirk-
lichkeitsprozesse dienen. Ähnliches gilt für die Erfassung der Zustände Francis-
cos bei Antunes. Hier sind es Natur, Körper und Zeit, die sich als übertemporäre
Gewalten und anthropologische Konstanten durchsetzen, den Täter zum Opfer
werden lassen und den Status einstiger Macht überleben. Nicht so sehr der poli-
tische Paradigmenwechsel lässt den einstigen Machtmenschen Francisco zum
Opfer werden, sondern viel elementarere Faktoren, wodurch das Täteropfer- und
Opfertäter-Drama bei Antunes sich zu einem allgemeinen Menschendrama ent-
wickelt und die ausklingende Salazar-Diktatur zur Veranschaulichung nutzt.
Francisco ist auch keine liminale Figur mehr. Er ist eine finale Figur, die am Ende
einer historischen und persönlichen Entwicklung steht und den Opferstatus
eines Täters aufzeigen kann, wenn er von seiner eigenen Zeit und von seinem
eigenen Alter überrollt wird.
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher