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Maria Roca Lizarazu
Liaisons Dangereuses: Nachbarn,
(Mit-)
Täter und implicated subjects
in Katja Petrowskajas Vielleicht Esther
1 Einleitung
Katja Petrowskajas autobiografisch inspiriertes Debüt Vielleicht Esther (2014)1
erzählt eine Familiengeschichte, die sich über unterschiedliche Epochen, diverse
nationale und kulturelle Grenzen sowie verschiedene sprachliche und mediale
Räume erstreckt: Die in der Ukraine geborene und zu Beginn des Textes in Berlin
lebende Ich-Erzählerin begibt sich auf eine Odyssee, die sie zuerst ins Polen des
neunzehnten Jahrhunderts führt, wo sie die Geschichte ihres Großvaters mütter-
licherseits zu ergründen sucht, der seinerzeit mehrere Taubstummenschulen für
jüdische Waisen gegründet hat. Je tiefer sich die Erzählerin jedoch ins Dickicht
ihrer Familiengeschichte begibt, desto deutlicher tritt zu Tage, dass ihre persön-
liche Familien biografie sich nicht vom Panorama (ost-)europäischer Geschichte
im neunzehnten und zwanzigsten Jahrundert ablösen lässt und dass sie, als
Jüdin, nicht umhinkann, sich mit den Nachwirkungen des Holocausts auseinan-
derzusetzen. Ihre Recherche- und Suchbewegungen, die an mittlerweile weit
verbreitete Motive und Topoi zahlreicher sogenannter „Familien-“ oder „Gene-
rationenromane“ (Costagli und Galli 2010; Eichenberg 2009; Eigler 2005; Fuchs
2008; Herrmann 2010; Horstkotte 2009; Reidy 2013; Weigel 2006) anschließen,
werden wiederholt unterbrochen und/oder laufen ins Leere; dies ist zum einen
den (un-)willentlichen Lücken in ihrem Familiengedächtnis und zum anderen
der problematischen Gedächtnispolitik in der (post-)sowjetischen Ära geschul-
det. Im Laufe der Erzählung wird deutlich, dass die zahlreichen Streichungen
im individuellen und kollektiven Gedächtnis unmöglich zu kompensieren sind
– statt die Leerstellen im persönlichen und im offiziellen Narrativ phantasma-
tisch aufzufüllen, entscheidet sich die Erzählerin deshalb dafür, im Modus des
metafiktionalen Schreibens die Spannungen zwischen Erinnern und Verges-
sen, Persönlichem und Privatem, Historiografie und (Auto-)Biografie, Fakt und
Fiktion zu reflektieren. Die Frucht dieser Überlegungen ist eine Sammlung von
Geschichten, so der Untertitel des Textes Vielleicht Esther, der explizit die Gat-
tungszuschreibung „Roman“ ablehnt. Dies hat möglicherweise mit der diese
1 Im Folgenden abgekürzt zitiert mit der Sigle VE, Seitenangabe.
Open Access. © 2020 Maria Roca Lizarazu, publiziert von De Gruyter.
Dieses
Werk ist lizenziert unter der Creative Commons Attribution 4.0 Lizenz.
https://doi.org/10.1515/9783110693461-012
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher