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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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Liaisons Dangereuses    265 auch, dass die Zivilbevölkerung zumindest teilweise in die Verbrechen verstrickt war. Durch rĂ€umliche NĂ€he wird also ein Moment der IntimitĂ€t und der Verflech- tung eingefĂŒhrt, das eine Reihe unangenehmer Fragen aufwirft: Zum einen verdeutlicht Vielleicht Esther, dass diese IntimitĂ€t durchaus tĂ€uschend sein kann, mitunter gar tödlich endet. WĂ€hrend ihres Besuchs in Warschau liest die ErzĂ€hlerin ein TheaterstĂŒck, das vermutlich auf der bereits erwĂ€hnten skandaltrĂ€chtigen Studie Neighbours (2001) von Jan T. Gross basiert. Gross widmet sich dem Jedwabne-Pogrom, bei dem im Jahr 1941 mehrere hundert – nach Angaben von Gross sogar 1600 – JĂŒd*innen von ihren polni- schen MitbĂŒrger*innen auf grausame Weise hingerichtet wurden. Laut Gross ging das Massaker vor allem von polnischer und nicht von der Seite der deut- schen Besatzungsmacht aus. Die Studie löste vor allem in Polen heftige Debatten aus, die sich nicht nur um die lange Geschichte antisemitischer Ausschreitun- gen im Land, sondern auch um das tabuisierte Thema polnischer MittĂ€terschaft und Komplizenschaft in Bezug auf diverse NS-Verbrechen drehten (Polonsky und Michlic 2004). Die Auseinandersetzung mit dem StĂŒck und dem ihm zugrundelie- genden Pogrom erweckt in der ErzĂ€hlerin ein Bewusstsein fĂŒr die Ambivalenzen der Nachbarschaft, die nicht nur das VerhĂ€ltnis zur schönen Nachbarin Polscha, sondern auch zu ihrem Berliner Nachbarn, dem sie in Warschau zufĂ€llig ĂŒber den Weg lĂ€uft, zu trĂŒben scheinen. An sich wĂ€re dieses Treffen [
] ein schöner Zufall gewesen [
], hĂ€tte ich nicht gerade ein TheaterstĂŒck gelesen, das sich auf ein Buch mit dem Titel Nachbarn bezieht und in dem es um Klassenkameraden geht, Polen und Juden, die zusammen aufwuchsen, zusammen lebten, einander mochten und sich dann gegeneinander wendeten und einander töteten, wer wen, just guess, und gerade dachte ich an die Nachbarn in einer kleinen polnischen Stadt mit dem fĂŒr mich unaussprechlichen Namen Jedwabne und warum man seine Nachbarn tötet, im Delirium, in der Finsternis, im Affekt oder auch gerne, da stand er plötzlich vor mir [
]. (VE, 109–110) Diese Unberechenbarkeit des NachbarschaftsverhĂ€ltnisses wird auch im Kapitel zur titelgebenden Urgroßmutter der ErzĂ€hlerin wieder aufgenommen, in dem die Nachbar*innen „Vielleicht Esther“ einerseits mit Essen versorgen (VE, 209) und versuchen, vom Gang zur Schlucht von Babij Jar abzuhalten (VE, 211),8 gleichzei- 8  Der Name „Vielleicht Esther“ fĂŒr die Urgroßmutter der ErzĂ€hlerin leitet sich zum einen daraus her, dass der Vater der ErzĂ€hlerin sich nicht mehr genau an den Namen erinnern kann: „Ich glaube, sie hieß Esther, sagte mein Vater. Ja, vielleicht Esther“ (VE, 209). Zum anderen steht das „vielleicht“ im Namen der Urgroßmutter aber auch im erweiterten Sinne fĂŒr das gesamte ErzĂ€hlprogramm des Romans, das sich nicht nur um das Zusammenspiel zwischen (fehlenden) historischen Fakten und Fiktion dreht, sondern auch um die im Adverb „vielleicht“ angedeute- ten Ungewissheiten, Ungereimtheiten und uneingelösten Möglichkeiten historischer Erfahrung.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Miloơević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, TransnationalitÀt
Kategorie
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